Der Kölner Fotograf August Sander

Meine Großmutter erinnerte sich sehr genau an den in Köln ansässigen Fotografen. Wenn er nämlich mit seiner Kameraausrüstung über die Dörfer im Westerwald zog, übernachtete er bei den Bauern der Gegend. Auch auf dem Hof der Sanners soll er genächtigt haben.

Geboren wird August Sander am 17. November 1876 im Kreis Altenkirchen gelegenen Herdorf. Der Vater verdient den Lebensunterhalt für seine neunköpfige Familie in der im Ort befindlichen Erzgrube Wolf. Die arbeitet wird schwer und der Lohn karg gewesen sein.

Nach der Volksschule findet auch August Sander als Haldenjunge eine Anstellung in dem Bergwerk. Dort lernt er einen Siegener Fotografen kennen, der in ihm das Interesse für die Lichbildkunst weckt. Mit finanzieller Unterstützung seines Onkels kauft er sich seine erste Kameraausrüstung.

Nach seiner Ausbildung bei dem Trierer Fotografen Georg Jung und der Anstellung bei der Fotografischen Kunstanstalt Greif in Linz, eröffnet er 1910 sein eigenes Fotoatelier in der Dürener Straße 201 in Köln-Lindenthal. Von hier aus beginnt er seine fotografische Tätigkeit im Westerwald auszubauen. Viele seiner hier entstandenen Aufnahmen, die der „Neuen Sachlichkeit“ zuzuordnen sind, werden Einzug finden in sein Hauptwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“, ein Fotoprojekt, das in 45 Mappen unterteilt und mit insgesamt 619 Bildern versehen ist.

Fünf Fotografien, die in diesem Werk zu sehen sind, zeigen Personen oder Personengruppen, die in oder um Puderbach aufgenommen worden sind. Dazu gehört das Bildnis von Helga Lichtenthäler verh. Stanke aus Puderbach als Konfirmandin, die Silberne Hochzeit der Eheleute Schneider aus Giershofen, die Ablichtung von Ernst Kunz, Bierfahrer der Gaststätte Kasche in Puderbach und die Fotografien des Turnvereins und Fußballclubs Puderbach.

Gerne möchte ich Ihnen an dieser Stelle einige Fotografien August Sanders zeigen, die ich während meiner langjährigen Recherchen zusammengetragen habe. Dank gilt allen, die mir die Bilder freundlicherweise ausgeliehen haben!

Die Familie Peter Born aus Puderbach
Eine Aufnahme der Familie Born aus Puderbach um 1910. Der Vater Peter Born stammte gebürtig aus dem nahegelegenen Muscheid, weshalb man noch heute den Rufnamen „Muschender“ benutzt. Die Mutter ist Emilie Katharine eine geborene Löhr, die in Puderbach am 11. August 1870 zur Welt kommt. Hinter ihnen stehen die drei Söhne, links Karl, daneben der am 25. Juni 1895 geborene Philipp Born, der Vater vom „Muschender Milchen“ und vor den beiden der jüngste Sprössling Paul Friedrich.
Die Familie Heinrich Kottscheidt aus Muscheid
Wenn man nicht gleich alles aufschreibt! Ich mußte eine ganze Weile recherchieren, bevor ich die verwandtschaftlichen Verhältnisse der Personen auf dieser Fotografie wieder zusammensetzen konnte. Ich wußte nur noch, daß es sich um die Familie Kottscheidt aus Muscheid handelt. Die Fotografie entstand um 1922 und August Sander schuf mit dem Waldstück im Hintergrund eine außergewöhnliche Atmosphäre. Doch wie gehören der ältere Herr und die Frau neben ihm zusammen? Es sind Vater und Tochter. Bereits ergraut sitzt hier Christian Born, der Vater des oben bereits zu sehenden „Muschender Peter“, und neben ihm seine am 18. August 1879 geborene Tochter Karoline. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Geschwistern ist eigentlich nicht zu übersehen. Karoline hatte am 1. Juli 1900 den aus Raubach stammenden Heinrich Kottscheidt geheiratet, der direkt hinter ihr steht. Links neben Heinrich sehen wir den ältesten Sohn Friedrich Karl, rechts im weißen Kleid die Tochter Maria Elise und am Arm des Großvaters der 1915 geborene Paul.
Die Familie Brauer aus Puderbach
Eine wunderschönes Lichtbild, das August Sander zugeschrieben wird. Zu sehen ist die Familie Brauer aus Puderbach um 1914 vor ihrem alten Fachwerkhof. Die drei Kinder vorne sind von links nach rechts Bertha Brauer verh. Hoffmann, Anna und Werner Brauer. Wie auf der Aufnahme bereits zu erkennen ist, hat sich Anna bei einem Kind, dessen Eltern im Gasthof Kasche als Kurgäste verweilten, mit der hochansteckenden Kinderlähmung infiziert. Eine Behandlung gab es zu dieser Zeit noch nicht, die Betroffenen litten zeitlebens unter Lähmungen der Extremitäten. Hinter den Kindern die Eltern Christian und Sophie Brauer eine geborene Seelbach aus Oberdreis. Links die Hand der kleinen Bertha haltend die Mutter von Christian Brauer. Sie war eine geborene Haag und daher rührt der Rufname „Hoochs“.
Der Puderbacher Fußballclub Komet
Diese Gruppenaufnahme August Sanders zeigt den Puderbacher Fußballclub „Komet“ 1911 vermutlich auf der heutigen Hauptstraße am Ortsausgang Richtung Raubach. Ein Jahr zuvor gründeten im Gasthof Hümmerich Mitglieder des Turnverbands einen eigenständigen Fußballverein, der seinem Namen dem 1910 am Sternenhimmel zu sehenden Kometen „Halley“ zu verdanken hat. In der 1. Reihe sind von links nach rechts zu sehen: Robert Lamberti, Karl Bay (gefallen im 1. Weltkrieg), Heinrich Schäfer, Ernst Siegel, Wilhelm Bierbrauer und Ewald Lamberti. 2. Reihe: Karl Müller, Karl Eich, Gustav Bay, Friedrich Dorr, Paul Loh, Karl Dorr, Karl Starrmann, Otto Herzog und Wilhelm Schäfer. Im Jahre 1920 hatte sich der Club bereits wieder aufgelöst.
Frau Lieske aus Puderbach mit ihren Töchtern
Hier sehen wir eine Aufnahme August Sanders, die um 1915 entstanden sein muß und Anna Elise Lieske eine geborene Dills mit ihren beiden Töchtern Johanna (rechts) und Hildegard (links) zeigt. Der Vater Arthur war Lehrer gewesen und die Familie lebte zeitweise in Gräfrath bei Solingen. Nach der Trennung der Eltern rückt der Rest der Familie enger zusammen, wie man aus dem Arrangement der Personen auf dem Bild deuten kann. Die jüngste Tochter Hildegard wird 1925 den aus Puderbach stammenden Bauunternehmer Richard Müller heiraten. Das Eheglück ist jedoch nicht von langer Dauer. Am 23. September 1932 kommt Richard bei einem schweren Motorradunfall bei Dernbach ums Leben. Das halbe Dorf wird ihm drei Tage später bei seiner Beerdigung das letzte Geleit geben.

Die Geschwister Weiler aus Döttesfeld
Viele erinnern sich bestimmt noch an Wanda Kaulbach, die in Puderbach viele Jahrzehnte einen kleinen Tabak- und Zeitschriftenladen führte. Auf dieser Fotografie sieht man links ihre Mutter Bertha Frohn. Gebürtig stammte diese aus Döttesfeld und war eine geborene Weiler. Rechts sitzt ihre Schwester Minna eine verheiratete Stein.
Das Bild ist möglicherweise um 1915 entstanden.
Das Ehepaar Schmuck wohnhaft in Essen
Ebenfalls um 1915 wird August Sander diese Fotografie aufgenommen haben. Sie zeigt die Schwester Bertha und Minna Weilers, die 1895 in Döttesfeld geborene Luise verh. Schmuck, die hier mit ihrem Ehemann zu sehen ist. Das Paar wird den Westerwald verlassen und in Essen Arbeit und eine neue Heimat finden.
Christian Bierbrauer aus Puderbach mit seinen Enkeln
Hier der in die Jahre gekommene Christian Bierbrauer, dessen Sohn Wilhelm oben auf der Aufnahme der Mitglieder des Fußballclubs „Komet“ zu sehen ist. Rechts neben ihm seine Enkelin Erna Bierbrauer verh. Schmidt und links der Enkel Wilhelm Bierbrauer. Die Aufnahme wird um 1920 entstanden sein.
Das Ehepaar Herzog aus Puderbach
Diese Ablichtung entstand ebenfalls um 1920 und zeigt das Ehepaar Herzog aus Puderbach. Otto Herzog stammte gebürtig aus Mettmann bei Düsseldorf und führte mit seiner Frau Karoline Mathilde am Ackerweg eine Bäckerei. Leider sind mir nicht mehr alle Erzählungen der Enkeltochter Christa Göbler in Erinnerung, ich meine aber, daß die Großmutter eine starke und energische Person war. Vielleicht ist es auch deswegen zu dem ungewöhnlichen Arrangement der Eheleute gekommen, denn meistens blickte der stehende Mann auf seine sitzende Frau hinunter und nicht umgekehrt.
Das Ehepaar Weßler aus Strunkeich
Leider kann ich mich nicht mehr an die Vornamen des Ehepaars Weßler aus Strunkeich erinnern. Interessant ist, daß sich bereits der Vater von Herrn Weßler im Jahr 1882 von der Evangelischen Kirche abwendet und der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde beitritt. Die Weßlers aus Strunkeich werden nicht die Einzigen bleiben. Auch in Puderbach und den umliegenden Dörfern schließen sich Familien der Bewegung an. Das Bild dürfte um die 1920er Jahre entstanden sein.
Die Brüder Velten aus Richert
Hier haben sich die Geschwister Velten aus Richert vermutlich um 1920 vor dem Fotografen August Sander aufgestellt. Links der Schwager meines Großvaters Emil Velten, der vielen noch als Leiter des Puderbacher Kirchenchores in Erinnerung ist. Dann folgt Paul und Friedrich Velten. Die beiden Brüder mit hellem Anzug müßten Karl und Wilhelm sein und ganz rechts der zweitjüngste Ernst. Auf dem Foto fehlen die beiden Schwestern Lina Velten verh. Hartstang und Dorothea verh. Henn. Die in Daufenbach lebende Lina konnte am 25. Mai 1989 noch ihren 100sten Geburtstag feiern und auch ihr Bruder Wilhelm erreichte ein sehr hohes Alter.
Die Familie Philipp Born aus Puderbach
Hier hat sich um 1923 die Familie Born aus Puderbach im besten Sonntagsstaat vor dem Fotografen August Sander versammelt. Ist das im Hintergrund der Ackerweg, wo die „Herwescheds“ zu Hause sind? In der Mitte stehend der Ackerer Philipp Born, neben ihm seine aus Oberähren stammende Frau Katharine eine geborene Klein. Rechts die Tochter Margarethe, von allen aber nur Grete oder Gretchen genannt. Sie heiratet später den aus Richert stammenden Friedrich Velten, den Sie oben auf der Fotografie der Geschwister Velten finden. Und ganz links der am 10. Januar 1913 geborene Otto Born. Er wird den Bauernhof seines Vaters zusammen mit seiner Frau Luise bis 1969 weiterführen, länger lässt es seine nachlassende Gesundheit nicht zu.
Der Turnverein Puderbach
Eine von zwei Aufnahmen August Sanders, die den Puderbacher Turnverein um 1926 zeigen. Unten stehend oder knieend sind von links nach rechts zu sehen: Robert Lamberti, mein Großvater Friedrich Kuhl („Schlössersch“) der Bierfahrer Ernst Kunz („Kasches“), Heinrich Hehn o. Heini Schmidt, Karl Göbler („Hennerichs“), Egon Hülpüsch, der Milchfahrer Emil Herzog, Erich Klumm aus Niederdreis und der Bahnbeamte Anton Schneider. Die Pyramide bilden: Paul Velten („Schurrmes“), Karl Leis aus Niederdreis und Erwin Reinhard. Unachtsamer Weise hat mein Großvater beim Hinknieen nicht seine weiße Hose mit einer Unterlage geschützt, wie es die anderen Turner taten, sodass er bei der zweiten Einstellung mit schmutziger Hose zu sehen ist.
Die Silberne Hochzeit in Giershofen
Falls Sie den Katalog „Menschen des 20. Jahrhunderts“ von August Sander kennen, dann ist Ihnen sicherlich die Fotografie mit dem Titel „Gratulation zur Silberhochzeit“ bekannt. Auf der Aufnahme aus dem Bildband sieht man das Ehepaar Schneider aus Giershofen in zwei Korbsesseln sitzen und eine große Schar an Kindern hat sich vor den beiden aufgereiht, alle mit Blumensträußen in den kleinen Händen, um den Jubilaren zu gratulieren. In dieser zweiten Einstellung hat August Sander die über 70 Personen umfassende Feiergesellschaft im Hof der Familie aufgenommen.
Karl und Friedrich Hartstang aus Daufenbach
Diese Fotografie berührt mich auf besondere Weise. Da sind diese beiden Jungen, augenscheinlich Geschwister, die auf einer Frühlingswiese mit Wiesenschaumkraut stehen und mit ernstem Ausdruck in die Kamera schauen. Es wird um 1925 entstanden sein und zeigt die Brüder Karl und Friedrich Hartstang aus Daufenbach. Es sind die Kinder der oben bereits erwähnten Lina Hartstang, die eine geborene Velten war und aus Richert stammte. Die beiden Jungen kamen 1920 bzw. 1922 zur Welt. Ausgesprochen traurig verläuft ihr weiterer Lebensweg. Beide werden im 2. Weltkrieg an die Front gerufen. Am 4. Oktober 1941 fällt Karl mit gerade mal 20 Jahren an der Ostfront. Und keine drei Jahre später am 22. Juli 1944 stirbt Friedrich im Zuge der Kriegswirren bei einem tödlichen Unfall bei Bromberg im heutigen Polen. Er wird nur 21 Jahre alt. Welch ein Schicksalschlag für die Eltern!
Verwandte der Familie Velten aus Richert
Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich die Notiz mit den Informationen zu diesem Bild, das um 1925 entstanden sein wird, verloren habe. Was ich noch weiß ist, daß dieses Mädchen mit der Familie Velten in Richert verwandt ist. Möglicherweise ist sie eine Cousine der oben zu sehenden Hartstang-Brüder, doch sicher bin ich mir nicht. Vielleicht können Sie mir bei den Nachforschungen helfen!
Emilie Born verh. Krantz aus Puderbach
Um 1925 entsteht diese herzige Aufnahme der gerade mal ein Jahr alten Emilie Born. August Sander hat sie in ihrem schicken Kinderwagen fotografiert. Ob das „Muschender Milchen“ bereits laufen konnte?
Willi Weßler aus Strunkeich
Ein wunderschönes Kinderfoto des vermutlich einjährigen Willi Weßlers aus Strunkeich aufgenommen um das Jahr 1925.
Helga Lichtenthäler verh. Stanke aus Puderbach
Wie alt mag das „Hanntäisen Helga“ auf dieser Fotografie wohl sein? Vielleicht drei oder vier Jahre? Dann müßte sie 1926 gemacht worden sein. Sie schaut August Sander streng an, die Fäuste fest geballt, ein kleines Blumensträußchen haltend, wunderbar arrangiert mit ihrem Puppenwagen im Hintergrund.

Puderbacher Fußballclub Schwarz-Weiß

Eine Aufnahme August Sanders aus den 1930er Jahren. Unten rechts in der Ecke des Bildes erkennt man noch schwach den Prägestempel des Fotoateliers. Zu sehen ist der Puderbacher Fußballclub Schwarz-Weiß. Die Fußballer sind von links nach rechts: Hermann Hoffmann, Willi Schäfer, Karl Oettgen, Wilhelm Born, Friedrich Buscher, Wilhelm Rosenberg, Hugo Weber, Willi Heinrichs, Richard Hoffmann, Friedrich Kuhl, Paul Velten, Ernst Schmidt, Otto Muscheid und Franz Wilhelm.

Links:

Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur in Köln, die den Nachlass August Sanders verwaltet

https://www.photographie-sk-kultur.de/august-sander/august-sander/

Biografie

https://de.wikipedia.org/wiki/August_Sander

Über sein Werk „Menschen des 20. Jahrhunderts“

https://de.wikipedia.org/wiki/Menschen_des_20._Jahrhunderts