Die Familie Kuhl

Schmiede und Schlosser

Drei Genrerationen Schmiede und Schlosser prägten meine Familie väterlicherseits, ausgehend von dem aus Muscheid stammenden Ururgroßvater Julius Kuhl, über den 1882 in Puderbach geborenen Urgroßvater Karl Kuhl und endend mit dessen Sohn Friedrich, meinem Großvater, der bis 1968 das Handwerk ausübte. Der Rufname, den fast alle Familien Puderbachs tragen, zeugt davon. Wird Julius und seine Familie noch mit „Schmids“ bezeichnet, so wechselt er eine Generation später in „Schlössersch“ um und bleibt bis zu meiner Generation erhalten.

Eines der wenigen Zeugnisse aus der Schmiedewerkstatt der Kuhls. Mein Urgroßvater Karl um 1962 vorm lodernden Schmiedefeuer.

Julius Kuhl

Mein Ururgroßvater Julius wird am 17. Juli 1848 morgens um 11 Uhr in Muscheid als Sohn des Dorflehrers Johann Simon Kuhl und seiner Frau Eleonore Katharine geboren. Er ist das vierte Kind des Paares. Am 26. Juli erfolgt die Taufe in der Puderbacher Kirche. Seine Schuljahre verbringt er an der „Lieweck“, dem alten Schulgebäude der Dürrholzer Gemeinde, an dem sein Vater bereits seit 1850 unterrichtet. Nach dem Ende seiner Volksschulbildung und der am 7. Juni 1863 stattfindenden Konfirmation in Puderbach beginnt er eine Lehre als Schlosser und Schmied. Leider ist mir nicht bekannt, wo er seine Ausbildung absolviert hat.

Baugrundstück in Puderbach

Ich kann nur vermuten, daß mein Urururgroßvater Simon Kuhl das Baugrundstück, welches er im Jahr 1874 bei der Gemeinde Puderbach beantragt und auch zugesagt bekommt, an seinen Sohn Julius und seine von dort stammende Braut Katharina Scheiderer vermacht. Ein Jahr später am 25. Juni 1875 findet die Hochzeit der Brautleute in dem alten romanischen Kirchlein in Puderbach statt.

Eine Dorfansicht aus den 1925er Jahren. Mit einem roten Punkt versehen das Haus meines Ururgroßvaters Julius Kuhl und seiner Familie. Leider handelt es sich hier nur um eine Rückansicht. Die Lebensumstände in dem kleinen Gebäude müssen für die Großfamilie äußerst beengt gewesen sein.
Kirchenneubau

Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, plante die Kirchengemeinde schon seit den 1860er Jahren eine Sanierung des alten bzw. die Errichtung eines neuen Gotteshauses. Mit dem Gutachten des Elberfelder Architekten Bramesfeld 1880 steht fest, daß ein Kirchenneubau für die große Zahl an Gemeindemitgliedern erstrebenswerter ist. Die damit entstehende Baustelle bedeutet für viele Handwerker des Ortes und der Umgegend eine sichere Einnahmequelle für über ein Jahr. Auch mein Ururgroßvater Julius profitiert davon.

Hier ein Auszug aus dem Protokoll zur feierlichen Grundsteinlegung unter Beteiligung meines Ururgroßvaters Julius Kuhl.
Grundsteinlegung

Am 3. Juni 1886 findet die Grundsteinlegung unter Mitwirkung meines Vorfahren statt, über die obenstehendes Protokoll berichtet. Darin heißt es:

Behufs feierlicher Legung des Grundsteins versammelte sich heute die Baukommission vor der Feier im Pfarrhause. Es wurden die Urkunden und Schriftstücke durchgesehen, welche dem Grundstein eingefügt werden sollten. Es waren dies 1. eine kurze Baugeschichte bis zum heutigen Tage, verbunden mit einer Nachweisung des vorhandenen Baufonds 2. ein Exemplar der Neuwieder Zeitung 3. ein Exemplar der westdeutschen Zeitung 4. ein Exemplar des Duisburger Sonntagblattes 5. je ein Exemplar der gangbaren Münzsorten: ein 10 Mark Stück, ein 5 Mark Stück in Silber, ein 3 Mark Stück, ein 2 Mark Stück, ein 1 Mark Stück, außerdem noch einige ältere Münzen.

Hiernach wurde die Büchse durch den Schlossermeister J. Kuhl von hier zugelötet. Während dieser Zeit hatte sich die Schuljugend unter Anführung ihrer Lehrer auf dem Pfarrhofe versammelt. In feierlichem Zuge betrat man den Bauplatz. Dort wurde der Grundstein, ein mit Kreuzzeichen versehener Stein aus der alten Kirche, dessen Bedeutung nicht festzustellen ist, zugerichtet und in der vorhandenen Baugrube in der an der Südseite des Schiffes gelegenen inneren Ecke der Schiffsgiebelwand befestigt. Nach vorangegangenem Gesang, Gebet und Festrede wurde die Büchse in den Stein eingelegt, worauf alsdann die Öffnung durch eine andere Platte verschlossen wurde. Während dieser Zeit sangen die Schulkinder aus dem Liede 428 „O, das ich tausend Zungen hätte“. In üblicher Weise wurden darauf der Reihe nach von den Gliedern der Baukommission und den anwesenden Gästen die Hammerschläge vollzogen. Mit Gesang und Gebet schloß die Feier. Die Arbeiter und geladenen Gäste wurden darauf im Pfarrhofe mit Kaffee bewirtet.

Anfertigung des Turmkreuzes und andere Arbeiten

Schon von weitem grüßt mich bei meinen Heimatbesuchen die Puderbacher Kirche mit ihrem imposanten Turmkreuz. Das mein Ururgroßvater Julius es angefertigt hat, war mir lange Jahre nicht bewußt. Für damals 200 Mark stellt er es in seiner Schmiede her. Aber auch andere Arbeiten mußten für den Kirchenbau durchgeführt werden, wie untenstehende Rechnung Zeugnis gibt.

Eine Rechnung des Schmiedemeisters Julius Kuhl an die Puderbacher Kirchengemeinde für den Neubau der Kirche im Jahr 1887. Leider kann ich die Handschrift meines Ururgroßvaters nur schwer lesen. Der Rechnungsbetrag von 455 Mark und 40 Pfennig wird in zwei Raten bezahlt, die erste am 4. Oktober 1887, die zweite am 12. Januar 1888.
Der Puder-Bach

Einige wenige Erzählungen berichten über meinen Ururgroßvater Julius. Zu den besonders interessanten gehört jene, die uns in die Zeit zurückführt, als es in den Wohnnhäusern noch kein fließendes Wasser gab. Das Bächlein „Puderbach“, welches irgendwo südlich vom Ort im Wald entspringt und seinen Weg durch die sogenannte „Pullermisch“ nimmt, floß damals noch oberirdisch die Mittelstraße entlang zum Holzbach. Laut dem „Mefferts Hilde“ soll sich Julius morgens in dem kühlen Bachwasser gewaschen haben. Von ihr stammt auch die Erinnerung, daß der Vater Julius und sein Sohn Karl an den Sonntagen bei gemeinsamen Spaziergängen zu sehen waren.

Die Zinnteller der „Antreesens“

Vermutlich in den Jahren des 1. Weltkriegs spielt jene Geschichte über die Zinnteller der Familie Runkler aus dem Mühlendorf. Die deutsche Industrie der Kaiserzeit war sehr stark von Rohstoffimporten aus dem Ausland abhängig, vor allem bei hochwertigen Metallen wie Wolfram, Chrom, Nickel, Aluminium, Zinn und Mangan. Mit Ausbruch des Krieges 1914 kommt es zur sogenannten Britischen Seeblockade und zum Erliegen der Wahreneinfuhr aus dem Ausland. Zinn, das für meinen Ururgroßvater Julius bei seiner alltäglichen Arbeit unverzichtbar ist, wird derartig knapp, daß er befürchten muß, seinen Werkstattbetrieb einstellen zu müssen. Doch er weiß sich Rat. Er erinnert sich daran, daß die „Antreesens“ eine ganze Reihe von alten Zinntellern besitzen. Ein ums andere Mal kauft er der Familie die Teller ab, bis zum Schluß nur zwei Stücke übrig bleiben und der ganze Rest verlötet ist.

„Schmids Julius und Stin“

Wie mögen meine Ururgroßeltern Julius und Katharina ausgesehen haben? Leider bleibt diese Frage bisher unbeantwortet. Lediglich eine Fotografie des mit Kränzen geschmückten Grabes Julius Kuhls existiert. Seine Beerdigung fand am 17. September 1932 statt, drei Tage nachdem er an Altersschwäche verstorben ist. Seine Frau Katharina wurde bereits drei Jahre früher am 10. März 1929 heimberufen.

Der über und über mit Blumen bedeckte Grabhügel meines Ururgroßvaters Julius Kuhl. Einer der Kränze wurde dem Toten von der Schmiede-Innung der Bürgermeisterei Dierdorf, Puderbach und Steimel gewidmet.
Anekdote

Erzählt hat sie mir der Landwirt Alfred Schuh, der sich in seinen Jugendjahren gerne die Zeit mit einem Kartenspiel vertrieb. Bei diesen Partien, die mit unterschiedlichen Personen in wechselnden Wohnzimmerstuben stattfanden, war auch mein Ururgroßvater Julius zugegen. Zu seinem Nachsehen verlor er das Spiel. Mit seiner wohl recht hohen Fispelstimme drohte er im Spaß den Gegnern und sagte. „Ihr bösen Buben!“

Karl Kuhl und seine Brüder

Meine Ururgroßmutter Katharina Kuhl schenkte insgesamt neun Jungen das Leben. Die beiden Erstgeborenen (1876 Karl Wilhelm Kuhl und 1877 Friedrich Kuhl) versterben bereits mit wenigen Wochen bzw. mit einem Jahr. Es folgt am 10. September 1879 Theodor, der ebenfalls dem Schmiedehandwerk nachgehen wird. Am 18. Februar 1882 morgens um 7 Uhr erblickt mein Urgroßvater Karl das Licht der Welt.

Die vier Kuhl-Brüder vereint! Der Anlass wird die goldene Hochzeit meiner Urgroßeltern im Jahr 1957 gewesen sein. Von links nach rechts sieht man den in Bochum lebenden Emil Kuhl, gefolgt von meinem Urgroßvater Karl, dann Friedrich Kuhl, der sich in Plettenberg im Sauerland niedergelassen hat und Otto, der in Dortmund beheimatet ist.
Sauerland und Ruhrgebiet

Die Brüder Friedrich (geb. 31. Mai 1884), Otto (geb. 14. Februar 1887) und Emil (geb. 27. Mai 1889) Kuhl müssen nach ihrer Schulzeit die geliebte Heimat verlassen. Sie verschlägt es auf der Suche nach einem Auskommen ins Sauerland bzw. ins Ruhrgebiet. Der Kontakt zu ihrem früheren Zuhause und ihrem Bruder Karl wird aber zeitlebens nicht abreißen.

Hier sehen sie die Familie des nach Plettenberg im Sauerland verzogenen Friedrich Kuhl. Rechts neben ihm seine Frau Paula eine geborene Schulte. Links neben Friedrich sein jüngster Sohn Erich und ganz rechts der aus seiner ersten Ehe stammende Sohn Paul. Erich wird nach seiner Hochzeit nach Wuppertal in den Stadtteil Cronenberg ziehen. Hieraus entstand der wunderbare Rufname der „Cronenbergers“, der noch heute im Gebrauch ist.
Die beiden Jüngsten

Die beiden Letztgeborenen sind Ernst (geb. 10. Oktober 1891) und Wilhelm (geb. 20. April 1899) Kuhl. Ernst findet als Schreiber bzw. Verwaltungsgehilfe eine Anstellung in Neuwied. Über seinen weiteren Lebensweg ist nichts bekannt.

Das Schicksal vom Nesthäkchen Wilhelm rührt mich besonders. Er arbeitet als Verwaltungsgehilfe auf dem Puderbacher Amt. Am Montag den 8. Mai 1922, wahrscheinlich für ihn ein ganz normaler Arbeitstag, taucht er nicht im Amtsgebäude auf. Auch die Familie vermisst in schon seit dem vorangegangenen Sonntag. Man macht sich ernsthafte Sorgen, beginnt, ihn im Ort und der Umgegend zu suchen.

Selbstmord

Wer ihn erhängt im Wald findet, ist nicht überliefert. Was für einen Grund wird er gehabt haben, aus dem Leben zu scheiden? Verwand er nicht den Tod des ältesten Bruders Theodor, der drei Monate vor ihm am 1. Februar 1922 an einer Lungenentzündung verstarb? War er depressiv? Vermutlich letzteres.

Er wird nicht der einzige der Kuhl-Brüder sein, der seinem Leben ein Ende setzt. Vermutlich in den 1960er Jahren geht der in Dortmund wohnende Otto Kuhl ins Wasser und ertränkt sich.

Hier eine Rechnung meines Urgroßvaters Karl Kuhl aus dem Jahr 1925 an die Evangelische Kirchengemeinde Puderbach. Er hat für das Kriegerdenkmal eine umrandenes Gitter angebracht, welches heute nicht mehr existiert.
Großer Respekt

Unvergessen bleibt mir ein Besuch bei einer Bibelstunde im nahegelegenen Weroth. Damals im Jahr 1990/91 absolvierte ich an der Evangelischen Kirchengemeinde Puderbach mein freiwilliges soziales Jahr. Der damalige Pfarrer der Gemeinde bat mich, ihn zu dem Treffen zu begleiten. Es handelte sich vornehmlich um ältere Frauen des Ortes. Nun wollten die Damen wissen, wer ich denn sei und zu welcher Familie ich gehören würde. Als der Name „Schlössersch“ fiel, hellten sich die Augen auf und sie sprachen voller Respekt und Achtung von meinem Urgroßvater Karl. Der Grund war einfach. Er verrichtete auch in der Werother Gegend immer wieder Schmiede- oder Schlosserarbeiten für die dort ansässigen Bewohner. Wenn er dann die Rechnung stellte, überforderte er seine Kunden nie. Im Gegenteil: wenn er wußte, daß die Familie selbst nicht viel besaß, so hielt er auch den Rechnungsbetrag klein oder ließ eine getane Arbeit garnicht auf der Rechnung erscheinen.

Mein Urgroßvater Karl Kuhl um 1920.
Ein Eimer Wasser

Und noch eine Geschichte möchte ich an dieser Stelle erwähnen. Wenn sie der Wahrheit entspricht, so erfüllt sie mich ein wenig mit Stolz. Erzählt hat sie mir die liebenswerte Brigitte Bub, Tochter des Pfarrers Friedrich Wilhelm Bub und Frau von Pfarrer Paul Gerhard Bub. Sie führt uns in die Ausschreitungen der Reichspogromnacht vom 10. November 1938, in der die Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei und willige Dorfbewohner zerstörend und brandschatzend durch die Häuser der jüdischen Einwohner ziehen. Auch vor der 1911 eingeweihten Synagoge halten sie nicht ein, verwüsten das Innere und stecken sie im Anschluß in Brand. Da ist nun mein Urgroßvater, vermutlich wütend und aufgebracht, was da vor sich geht und der dem Treiben nicht tatenlos zusehen will, wie die meisten Dorfbewohner. Er schnappt sich einen Eimer mit Wasser und rennt los, um die Flammen in dem Gebäude zu löschen. Aus Furcht, daß dem Vater aus seinem Handeln Konsequenzen drohen, halten ihn seine Kinder von dem Vorhaben ab.

Es klingt eigentlich nicht nach viel, was er getan oder ausgerichtet hat. Was aber für mich zählt ist seine Entschlossenheit zu handeln, wider jede Vernunft.