Jüdisches Leben in Puderbach / Die Arons

Vier der jüdischen Familien Puderbachs sind ähnlich wie die Bärs eng miteinander verwandt und entstammen dem Familienzweig der Arons ab. Er lässt sich bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts nachverfolgen und geht auf Anschel Aron zurück, der 1828 in Puderbach als Schlächter/Metzger arbeitet und lebt. Sein Sohn ist der am 28. September 1828 geborene Jonas Aron, der mit der vermutlich aus Anhausen stammenden Amalie Tobias verheiratet ist. Dem Paar werden sieben Kinder geschenkt, beginnend mit dem 1859 zur Welt gekommenen Theodor Aron. Es folgen Jettchen (1860), Albert (1865), Leopold (1867), Jakob (1870), Dina (1872) und zuletzt Adolf (1875). Die Familie lebt in einem kleinen Haus auf der Hauptstraße gegenüber dem Bürgermeisteramt.

Theodor, Jakob und Dina

Drei der sieben Geschwister werden Puderbach verlassen. Der älteste Sohn Theodor wird Arzt werden und lebt mit seiner aus Hönningen stammenden Frau Henriette Samson zunächst in Neuwied. Dort kommen auch die gemeinsamen Kinder zur Welt. Später siedelt die Familie nach Berlin über, wo Theodor 1935 als Witwer verstirbt. Alle Familienangehörigen werden den Holocaust überleben.

Dina Aron heiratet den aus Kirchheim stammenden Kaufmann Wolfgang Weiss. Das Paar lebt in Flamersheim bei Euskirchen, wo auch die vier gemeinsamen Kinder zur Welt kommen. Zwei davon versterben früh an Tuberkulose. Dem Sohn Paul gelingt die Emigration. Die Tochter Martha wird 1941 ins Ghetto Litzmannstadt deportiert, wo sie 1944 auch umkommt. Die Eltern werden beide über Köln am 15. Juni 1942 ins Ghetto Theresienstadt verschleppt. Wolfgang stirbt dort am 19. April 1943. Dina wird zwei Jahre im Lager überleben bis sie im Mai 1944 nach Auschwitz kommt. Dort wird sie am 15.05. in den vermeintlichen Duschräumen vergast.

Jakob Aron und seine aus den Niederlanden stammende Frau Josephine geb. Coopman leben in Köln. Von dort werden sie wie die Schwester Dina und ihr Mann am 15. Juni 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Drei Monate später sind beide tot, in den Gaskammern des Vernichtungslagers Treblinka umgebracht. Der Sohn Moritz und seine aus Rodenbach stammende Frau Ortense geb. Tobias überleben ebenfalls nicht. Sie kommen im Ghetto Riga um.

Die Familie Adolf Aron

Das jüngste Kind von Jonas und Amalie Aron ist der am 29. August 1875 geborene Aron, von allen aber nur Adolf genannt. Mit 6 Jahren wird er eingeschult und besucht bis 1889 den Unterricht bei Herrn Lehrer Becker in dem alten Schulgebäude auf der Kirchbitz. Seinen weiteren beruflichen Werdegang beschreibt er in einer eidesstattlichen Erklärung aus dem Jahr 1955 wie folgt:

„Von April 1889 bis Januar 1890 arbeitete ich auf dem dortigen Bürgermeisteramt bei Bürgermeister Melsheimer… Am 19. Januar 1890 trat ich bei der Firma S. Saalfeld, Manufakturwaren, Limburg a.d. Lahn, in die Lehre ein. Nach Beendigung der Lehrzeit im Jahr 1892 war ich bei der gleichen Firma als Reisender tätig und zwar bis zum 31. Mai 1894… Alsdann war ich bis Ende März 1898 bei der Firma S. Grünebaum in Frankenthal (Pfalz) als Verkäufer tätig… und anschließend bei der Firma I.M. Baum in Wiesbaden und zwar bis zum 31. März 1899…“

Geschäftseröffnung und Heirat

Nach diesen Lehr- und Arbeitsjahren kehrt Adolf Aron 1899 nach Puderbach zurück und gründet im Stammhaus der Familie ein eigenes kleines Bekleidungsgeschäft. In diese Zeit fällt auch seine Hochzeit mit der am 23. März 1882 in Schmalnau bei Fulda geborenen Theresia Tannenwald, von allen Thekla genannt. Sie findet im Jahr 1901 statt. 1903 dann ziehen Adolf und Thekla mit ihrer kleinen Tochter Martha ins neugebaute Ziegelhaus an der Mittelstraße gegenüber der Gastwirtschaft Hümmerich. Hier befinden sich die Verkaufsräume und das Warenlager im Erdgeschoß und im 1. Stock wohnt die Familie.

Manufaktur- und Konfektionswarengeschäft Adolf Aron
Dieser wunderbare Werbeartikel, der für die Kinderbekleidung der in Stuttgart ansässigen Firma Bleyle wirbt, blieb bis in unsere Tage erhalten. Er stammt aus der Zeit, als vor allem die Matrosenanzüge des Unternehmens sich größter Popularität erfreuten. Unten erkennt man den Schriftzug des Manufaktur- und Modewarengeschäfts Adolf Aron in Puderbach.

Neben Herren-, Damen- und Kinderbekleidung, Stoffen und Kurzwaren kann man bei „Adolfs“, so lautet der Rufname der Familie, auch Möbel und Maschinen kaufen. Die Qualität der angebotenen Waren ist exquisit. Zudem bestechen Adolf und Thekla Aron mit ihrer freundlichen und zuvorkommenden Art. Kein Kunde verlässt den Laden, ohne eine Tasse Kaffee angeboten zu bekommen.

Hier haben sich mehrere Personen um das Jahr 1912 vor dem Manufaktur- und Konfektionswarengeschäft des Adolf Aron zu einer Aufnahme zusammengefunden. Man achte auf das schicke Automobil! Ganz rechts stehen die Töchter des Adolf Aron, Martha verh. Wolff (3. von rechts) und Ruth verh. Tobias (ganz rechts), zwischen ihnen Johanna Gottschalk, die Schwester der Witwe Selma Bär. Heute befindet sich an der Stelle des früheren Wohn- und Geschäftshauses die Kreisparkasse Puderbach.
Eine Aufnahme des Wohn- und Geschäftshauses aus den 1930er Jahren. Das Gebäude war das erste im Dorf, das mit Ziegeln gebaut wurde. Die Schaufensterauslagen waren immer ein Blickfänger, wie zum Beispiel die mit einem nachgebildeten Schwan, der für die hervorragende Qualität der angebotenen Bettdecken, Kissen und Bezüge stand.

1920 kann Adolf mit seinem Manufaktur- und Bekleidungsgeschäft expandieren. Er eröffnet eine zweite, größere Filiale in der Altenkirchener Innenstadt.

Der Laden in Altenkirchen befand sich auf der Kölner Straße 1a, nicht weit vom Bahnübergang auf der Koblenzer Straße entfernt. Dieses Bild dürfte um 1932 aufgenommen worden sein. Vorm Eingang des Manufaktur- und Konfektionswarengeschäfts stehen von rechts nach links: Adolf Aron, Martha Aron verh. Wolff, ihre Tochter Lottie, Marthas Ehemann Josef Wolff und mglw. die aus Oberähren stammende Katharina Weber später verh. Schmidt, die vor ihrer Hochzeit Kindermädchen der kleinen Lotte war.
Glückliches Familienleben

Am 3. August 1902 bringt Thekla die älteste Tochter Martha zur Welt, gefolgt von der am 30. November 1903 im neuen Wohnhaus geborenen Ruth. 1912 und 1916 erblicken Ludwig und Erwin das Licht der Welt. Das Bild unten zeugt von einem harmonischen und glücklichen Familienleben bis in die beginnenden 1930er Jahre.

1921 entstand diese wunderbare Fotografie der Familie Aron. Im Zentrum sitzt der Vater Adolf, rechts hinter ihm, den Arm liebevoll auf seine Schulter legend, steht seine Frau Thekla. Links neben ihr stehen die fast erwachsenen Töchter Ruth und Martha. Links und rechts neben dem Vater sieht man die beiden Söhne Erwin und Ludwig. Das Arrangement der Personen und die Platzierung im Freien erinnern an den berühmten Kölner Fotografen August Sander. Ob das Bild wohl aus seiner Hand stammt?
Persönliches Engagement

Unter anderem ist es Adolf Arons persönlichem Engagement zu verdanken, daß 1908 die Puderbacher Synagogengemeinde gegründet wird und man drei Jahre später, am 4. und 5. August 1911, die feierliche Einweihung des Synagogenbaus begehen kann. Auch in späteren Jahren wird er als Mitglied des Vorstands sich immer wieder für die Belange der kleinen jüdischen Gemeinde einsetzen, wie untenstehendes Schriftstück eindrücklich belegt. Adolf Aron bittet darin um eine finanzielle Beihilfe für den jüdischen Religionsunterricht, der immer Mittwochs und Sonntags im örtlichen Schulsaal stattfindet.

Puderbach, den 12. Sept. 1916 / An das Bürgermeisteramt hier / Für die Erteilung des jüdischen Religionsunterrichtes hierselbst bitte ich die bisher gewährte Beihülfe von 270 Mark höheren Ortes erwirken zu wollen. Wie ja bekannt, haben sich die Verhältnisse in keiner Weise geändert. Hochachtungsvoll Adolf Aron
Kriegsteilnehmer

Rund 100.000 jüdische Männer kämpfen während des 1. Weltkriegs auf deutscher Seite. Auch Adolf Aron wird 1915 gemustert, an der Waffe ausgebildet und an die Front geschickt. Wie er in seiner eidesstattlichen Erklärung aus dem Jahr 1955 notiert, wird er erst am 25. November 1918 aus dem Kriegsdienst entlassen. Nach seiner Heimkehr wird er aktives Mitglied des Puderbacher Kriegervereins und setzt sich wie die anderen Mitwirkenden für die Errichtung eines Ehrenmals ein.

Adolf Aron (Mitte) um 1915 in feldgrauer Uniform mit Männern seiner Militäreinheit.
Die Töchter heiraten

Im Jahr 1925 heiratet die älteste Tochter Martha den 1887 in Rheinbrohl geborenen Josef Wolff. Vermutlich haben sich die beiden über die gemeinsame Tante Jette Wolff kennengelernt, die mit ihrem Sohn und dessen Familie in der Nähe des Gasthofs Kasche lebt. Das frischvermählte Paar zieht im Anschluß nach Altenkirchen und übernimmt die Geschäftsleitung der dort befindlichen Zweigstelle des Manufaktur- und Konfektionswarengeschäfts Adolf Aron.

Hier hat sich die Hochzeitsgesellschaft für ein Gruppenfoto vorm Eingang der Synagoge zusammengefunden. Neben den Brautleuten sind durchnummeriert zu sehen: 1 Adolf Aron, 2 Thekla Aron geb. Tannenwald, 3 Ruth Aron verh. Tobias, 4 Jette Wolff geb. Aron, 5 mglw. Betti Tobias verh. Kahn, 6 Lehrer Ginsberg aus Dierdorf und 7 Ludwig Aron.

Am 6. August 1933 findet die Hochzeit der zweitältesten Tochter Ruth statt. Sie vermählt sich mit dem am 1. März 1904 geborenen Viehhändler Leo Tobias, dessen Eltern 1905 aus dem nahegelegenen Anhausen nach Puderbach gezogen sind.

Das glückliche Paar ist mit Familienangehörigen für einen Schnappschuß zusammengekommen. Neben Leo und Ruth sind durchnummeriert zu sehen: 1 Martha Aron verh. Wolff, 2 ihr Mann Josef Wolff, 3 die gemeinsame Tochter Lottie, 4 Ludwig Aron, 5 Thekla Aron geb. Tannenwald, 6 Adolf Aron, 7 Eva Tobias geb. Heilberg, 8 Tobias Tobias, 9 Betti Tobias verh. Kahn, 10 ihr Mann Benno Kahn aus Giershofen, 11 Lehrer Ginsberg aus Dierdorf und 12 Günther Wolff.
Jahre der Erniedrigung

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 nehmen auch die antijüdischen Gesetze, Verbote und Repressalien stätig zu. Adolf Aron und seine Familie müßen erleben, wie sich am Morgen des 1. April 1933 Mitglieder der NSDAP, der SA, der HJ bzw. des Stahlhelm vor den jüdischen Geschäften postieren, Schilder mit der Aufschrift „Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“ oder „Die Juden sind unser Unglück!“ in die Höhe halten und Kunden daran hindern, die Ladengeschäfte zu betreten. Ein Augenzeuge berichtet, daß selbst Kinder und Jugendliche, deren Eltern fanatische Parteigenossen sind, die jüdischen Dorfbewohner bis hin zu tätlichen Angriffen belästigen.

Jedes Mal, wenn ich dieses Bild des Wohn- Geschäftshauses der Familie Aron sehe, frage ich mich, was das für Farbstriche auf den Schaufensterscheiben sind. Sind es die Reste antijüdischer Schmierereien, die Dorfbewohner dort angebracht haben?

Auch die Altenkirchener Filiale ist betroffen. Die Westerwälder Zeitung berichtet: „Dienstag Vormittag (der 28. März 1933) wurden durch SA-Leute sämtliche jüdischen Geschäfte der Stadt für etwa eine halbe Stunde geschlossen. Diese Maßnahme war als Auswirkung der Gegenaktion gegen die jüdische Greuelpropaganda im Ausland zu betrachten“.

In den nächsten Jahren wird es Adolf Aron unmöglich gemacht, sein Konfektions- und Manufakturwarengeschäft normal weiterzuführen. Er selbst beschreibt es wie folgt: „Es war mir unmöglich, meine Ware zu verkaufen, da der größte Teil der Bevölkerung zu der NSDAP gehörte und der kleine Teil, der nicht Mitglied der Partei war, Angst hatte, mein Geschäft zu betreten.“

Wieviel Kummer und Sorgen wurden Adolf und Thekla Aron seit 1933 bereitet. Man meint ihnen die Beschwernis anzusehen.

Die Folge ist, daß er seine Altenkirchener Zweigstelle schließen muß. Die Tochter Martha und ihr Mann Josef Wolff, die das Geschäft für mehrere Jahre geleitet haben, ziehen mit der gemeinsamen Tochter Lottie wieder nach Puderbach.

Diese Aufnahme dürfte um 1938 entstanden sein. Nach der Geschäftsaufgabe der Altenkirchener Filiale ziehen Josef und Martha Wolff (links) mit ihrer gemeinsamen Tochter Lottie (zwischen Thekla und Adolf Aron stehend) wieder ins Haus der Eltern nach Puderbach. Hier müssen sie am 10. November 1938 die unbeschreiblichen Ausschreitungen gegenüber der jüdischen Bevölkerung miterleben.

Mit der „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ vom 12. November 1938, die der jüdischen Bevölkerung den Betrieb von Einzelhandelsverkaufsstellen und Handwerksbetrieben untersagt, wird Adolf Aron seine Arbeitsgrundlage völlig entzogen. Er schreibt in seiner eidesstattlichen Versicherung wie folgt: „1938 wurde ich gezwungen, mein Geschäft zu schließen und mein Warenlager, das ich nach bestem Wissen und Gewissen auf 2000 Reichsmark schätze, für 500 RM zu verschleudern.“

Hinzu kommt die „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens“ vom 3. Dezember 1938, die Juden zwingt, ihre Immobilien und Grundstücke zu verkaufen. Mit Inkrafttreten dürfen sie auch nicht mehr über ihre Ersparnisse verfügen.

Alltägliche Schikanen und Diskriminierungen

Neben den staatlichen Verordnungen kommen die alltäglichen Diskriminierungen. Die Familie erhält immer wieder Briefe oder Postkarten, in denen sie beschimpft, verunglimpft und bedroht wird.

Bei einem anderem empörenden Zwischenfall, der sich im Anwesen der Schwiegermutter Eva Tobias auf der Steimeler Straße ereignet, wird eines der Kinder von Ruth und Leo von einem Stein getroffen und verletzt. Unbekannte hatten die Fensterscheiben des Hauses eingeworfen.

Im September 1937 feiert die ganze Familie den ersten Geburtstag von Theo Kurt Tobias. Hier sieht man den stolzen Großvater Adolf Aron mit seinem Enkelkind. Ein Jahr später müssen sich die Großeltern von der Familie verabschieden. Im August 1938 verlässt die Tochter Ruth mit den drei kleinen Kindern Deutschland in Richtung USA.

Bei der Geburt des jüngsten Sohnes Gerd im Frühjahr 1938 verweigert die ansässige Hebamme jedwede Hilfe, sodas die in den Wehen liegende Ruth ins Altenkirchener Krankenhaus gebracht werden muß.

Flucht in die USA

Nachdem die Verhältnisse in Nazi-Deutschland immer unerträglicher werden, bemühen sich auch Ruth und Leo Tobias, ins Ausland zu emigrieren. Möglicherweise ziehen sie zunächst die westeuropäischen Länder wie die Niederlande oder Frankreich in Betracht. Doch vielleicht ahnen sie, daß die Nachbarstaaten vor der Willkür Hitlers nicht sicher sind.

Dann am 16. März 1938 sticht Leo Tobias als Erster mit dem Ozeandampfer „S.S. President Roosevelt“ vom Hamburger Hafen Richtung USA in See. Fünf Monate später folgt ihm von Bremen aus seine Frau Ruth mit den drei kleinen Kindern. In der West 169th Street im New Yorker Bronx-Viertel findet die Familie ein vorläufiges Zuhause.

40 Jahre später beschreibt Ruth sehr eindrücklich und berührend die Gefühlslage nach Ankunft in den Staaten: „Die Heimat verlassen zu müssen, um dem Tod zu entgehen, kann nur der verstehen, der es selbst erlebt hat. Fremde Menschen, fremde Sprache, fremde Sitten, heimatlos.“

Novemberpogrom 1938

Das Attentat auf den französischen Botschaftsangestellten Ernst Eduard von Rath durch den polnischen Juden Herschel Grynszpan am 7. November 1938 in Paris dient der NS-Führung als Vorwand, um am 9. und 10. November die sogenannten Novemberpogrome an der jüdischen Bevölkerung und deren Einrichtungen durchzuführen.

Der damalige NSDAP Ortsgruppenleiter Hans Piorek, der bereits am späten Mittwochabend des 9. November in einer Versammlung in Neuwied unterrichtet wurde, trommelt am folgenden Tag früh um 8 Uhr alle Parteimitglieder, sowie alle der NSDAP angehörigen Beamten und Angestellten der Bürgermeisterei zusammen. Nach einer kurzen Lagebesprechung im Gasthof Kasche schwärmen die Männer gegen 9 Uhr aus, unterstützt von willigen Dorfbewohnern.

Ganz normaler Schultag

Für die neunjährige Lottie Wolff ist dieser Donnerstag ein ganz normaler Schultag. Sie macht sich am frühen Morgen mit ihrem Ranzen auf den Weg zum Schulgebäude im Mühlendorf, nicht ahnend, daß eine Stunde später nichts mehr so sein wird, wie zuvor.

Gegen 9 Uhr tauchen die zerstörungslustigen Männer und Frauen unter Führung von Piorek vor dem Wohn- und Geschäftshaus der „Adolfs“ auf, verhaften den Schwiegersohn Josef Wolff und schaffen ihn und alle anderen Männer unter 60 Jahren mit einem Lastwagen fort. Wohin man ihre Angehörigen bringt, erfahren Adolf, Thekla und die Tochter Martha nicht.

Lottie Wolff Mitte der 1930er Jahre. Sie ist die einizge noch lebende Zeugin der Ereignisse des Novemberpogroms in Puderbach.
Erinnerungsbericht

Lottie Wolff verfasste 1947 einen Erinnerungsbericht, aus dem ich zitieren möchte. Ihre Mutter Martha war nach der Verhaftung des Vaters und den Beginn der Ausschreitungen zur Schule geeilt, um ihre Tochter zu holen. Sicherlich ahnte das Mädchen sofort, daß etwas Fürchterliches im Gange war. Sie fragt ihre Mutter:

„Mami, wo ist Vati?“ Meine Mutter sah mich an und wußte zunächst nicht, was sie antworten sollte und fing dann langsam an zu weinen. Sie hatte einen Blick in den Augen, den ich vorher noch niemals gesehen hatte, einen tiefen verletzten Blick, als sie sagte: „Sie haben ihn heute morgen abgeholt mit den anderen Männern.“ Ich begann von neuem zu weinen, da ich jetzt begriff, daß es einen Grund gab zu weinen. Mein Papa war nicht zu Hause. Vielleicht würde ich ihn niemals wieder sehen. Niemals zuvor hatte ich so ganz begriffen, wie viel er mir bedeutete.“

Im Anschluß beginnt die entfesselte Menge mit ihren Verwüstungen. Alle 23 Fenster und Schaufenster des Hauses werden zerschlagen, alle Möbel und Haushaltsgegenstände fast vollständig zerstört, etliche Wertgegenstände entwendet. Noch ahnen Lottie, ihre Mutter und die Großeltern nicht, wie groß die Zerstörungen sind.

In letzter Sekunde

Auch in die Synagoge ist der Mob eingedrungen. Toraschrein, Lesepult, Kirchenbänke, Gebetsbücher, alles wird kurz und klein geschlagen und vor den Eingang des Gotteshauses geworfen. Kurz bevor Adolf Aron mit dem Rest der Familie in Schutzhaft genommen wird, kann er eine im Schmutz der Straße liegende Torarolle an sich nehmen und in aller Eile im Haus verstecken. Kurz darauf werden die zusammengeworfenen Einrichtungsgegenstände der Synagoge sowie der Kirchenbau selbst ein Raub der Flammen. Lottie Wolff schreibt in ihrem Erinnerungsbericht:

„Als wir uns unserem Haus näherten, sahen wir Flammen. Meine Mutter zeigte darauf und sagte mir, daß die Nazis dabei seien, unsere Synagoge niederzubrennen, die direkt hinter unserem Haus stand.“

Schutzhaft

Alle verbliebenen jüdischen Männer, Frauen und Kinder des Ortes, sowie die Dorfbewohner, die man aus Urbach, Daufenbach und Rodenbach nach Puderbach wie Vieh getrieben hat, werden in sogenannte Schutzhaft genommen und im Amtsgebäude eingeschloßen. Später pfercht man sie im Wohnhaus des Leopold Aron zusammen. Lottie Wolff wird diese Stunden der Ungewissheit nie vergessen. Sie schreibt:

„Die folgende Nacht war die schrecklichste in meinem ganzen Leben. Acht oder neun Familien waren zusammen in ein Haus gesteckt worden, wo sie auf Decken im Flur schliefen. Nur die alten Männer über 60 – wie mein Großvater – hatte man zurückgelassen, um die Frauen und Kinder zu beschützen. Fragen wie diese gingen rund. Wo sind unsere Männer? Was passiert mit unseren Häusern? Was wird mit uns geschehen? Was, wenn sie auch dieses Haus abbrennen?

Die Nacht verging langsam; aber als der Morgen kam, wurde es uns erlaubt, zu unseren eigenen Häusern zurückzugehen. Die Synagoge war vollständig abgebrannt, aber unser Haus stand noch. Wir gingen hinein und waren geschockt über den Anblick. Unsere Möbel waren derart zerstört, daß eine Reparatur kaum möglich sein würde. Aber wir waren nicht über unsere Möbel besorgt, wir machten uns Sorgen um meinen Vater…“

KZ Dachau

Im Laufe des Tages tauchen mehrere der verhafteten Männer wieder auf. Man hatte sie ins Gerichtsgefängnis nach Neuwied gebracht und nach ihrer Entlassung am nächsten Morgen die rund 25 km lange Strecke zurück nach Puderbach laufen lassen. Doch Josef Wolff ist nicht unter ihnen. Er und sein Cousin Hermann Wolff, sowie der aus Urbach stammende Jakob Levi wurden ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Die Nachicht ist für die Angehörigen ein Schock. Lottie schreibt:

„Dachau! Ein Wort, das jedem eiskalte Schauer über den Rücken jagte, ein Ort des Entsetzens, ein weithin bekanntes Konzentrationslager. Es folgten drei schwere Wochen. Drei schwere Wochen, in denen wir unsere Wohnung wieder herrichteten, in denen wir nicht wußten, ob wir mit den Leuten sprechen sollten oder nicht, und in denen wir nicht wußten, was die Nazis sich als nächstes einfallen lassen würden.

Am Ende der drei Wochen wachte ich eines Morgens auf und hörte eine vertraute Stimme vor der Tür meines Schlafzimmers. Ich schrie, sprang aus dem Bett, öffnete die Tür und rannte geradewegs in die Arme meines Vaters. Er war ok. Er war wieder zu Hause. natürlich sah er ein bisschen dünner aus und hatte einen Bürstenhaarschnitt, aber was bedeutete das schon? Ich glaube nicht, daß ich ihn an seinem ersten Tag zu Hause aus den Augen gelassen habe. Wir hatten Glück, daß wir als Familie wieder vereint waren, mehr als viele andere.“

Raus aus Deutschland

„Drei Wochen, in denen wir nicht wußten, ob wir mit den Leuten sprechen sollten oder nicht.“ Lottie beschreibt sehr genau, wie schwierig es nach den Ausschreitungen geworden ist, mit den Dorfbewohnern umzugehen, wie unerträglich es wurde, in ständiger Angst vor neuen Ausschreitungen zu leben. Deswegen steht für die Familie fest, daß sie so schnell wie möglich Deutschland verlassen müssen. Alle Bemühungen gehen jetzt in diese Richtung. Doch zunächst zieht die ganze Familie im August 1938 nach Köln. Kurz zuvor war das Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden in Kraft getreten, das den Mieterschutz für jüdische Bürger quasi aufhob. Juden durften sich nur noch bei jüdischen Vermietern oder jüdischen Einrichtungen einmieten. Adolf und Thekla Aron ziehen in die Engelbertstraße 23, vermutlich auch die Wohnadresse von Josef, Martha und Lottie Wolff. Falls man dem vermutlich erzwungenen Umzug überhaupt etwas Gutes abgewinnen kann, dann ist es die Gemeinschaft mit anderen jüdischen Leidensgenossen, die es ebenfalls in die Metropole verschlägt. Zudem bietet die Großstadt eine gewisse Anonymität.

Hausverkauf

Mit der bereits erwähnten „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ und der „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens“, die beide Ende 1938 in Kraft treten, werden Adolf und Thekla Aron dazu gezwungen, ihr Manufaktur- und Konfektionswarengeschäft aufzugeben und das Haus nebst Grundstücken zwangsweise zu verkaufen. Eine behördliche Abschätzungskommission legt den Wert des Gebäudes auf einen Betrag von 17.000 Reichsmark fest, ein Wert, der sicherlich nicht zu hoch angesetzt wurde. Es finden sich Käufer, die Aron einen Betrag von 13.200 RM anbieten, also weit unter Wert. Doch diese finden nicht die Zustimmung der Kreisverwaltung, die die Transaktion billigen muß. Die zukünftigen Besitzer sind keine Parteimitglieder. Also muß ein neuer Interessent gefunden werden. Am 3. Mai 1940 wird der Kaufvertrag endlich abgeschloßen und das Wohn- und Geschäftshaus geht an einen „passenden“ Käufer für die Summe von 12.750 RM. Der Betrag wird auf ein Sperrkonto hinterlegt mit der Auflage, daß nur mit Genehmigung der Oberfinanzdirektion Köln über das Geld verfügt werden kann. Zudem verlangt das zuständige Finanzamt eine „Judenvermögensabgabe“ von 3.423,80 RM, eine „Auflagenbetrag“ von 1.750 RM und eine Verwaltungsgebühr von 65 RM.

USA

Nach einem Dreivierteljahr intensiver Bemühungen besteigen am 26. März 1940 im belgischen Antwerpen Josef, Martha und Lottie Wolff den Passagierdampfer „S.S. Pennland“ und verlassen Deutschland in Richtung Nordamerika. Eine entscheidende Rolle für die Bewilligung der Ausreise wird sicherlich die Schwester Ruth gespielt haben, die sich bereits mit ihrer Familie in den USA aufhält und für die Familienangehörigen bürgt. Zuvor ist es bereits dem Bruder Ludwig Aron gelungen, über Rotterdam Europa zu verlassen. Erwin, dem jüngsten der vier Geschwister, gelingt zunächst die Flucht nach Südafrika, bevor er 1947 seiner Familie in die Staaten folgt.

Der Reisepass von Thekla Aron, ausgestellt am 8. April 1940 in Köln. Mit der diskriminierenden Verordnung vom 1. Januar 1939 mußten jüdische Bürgerinnen und Bürger ihrem Vornamen den Namen „Sara“ bzw. „Israel“ hinzusetzen. Zudem wurde der Pass mit einem großen „J“ für Jude versehen.
Odyssee durch halb Europa

Die Ausreise von Adolf und Thekla Aron gestaltet sich schwieriger. Mit Beginn des Jahres 1941 befinden sie sich immer noch in Köln. Die Töchter und deren Familien, die sich bereits in den Staaten aufhalten, werden mit größter Sorge den schleppenden Fortgang beobachtet haben. Am 4. Januar 1941 wird dann endlich die Ausreise über Spanien und Portugal in die Vereinigten Staaten von Amerika von den zuständigen Behörden genehmigt.

Der so heiß ersehnte Stempel, der Adolf und Thekla Aron berechtigt, Deutschland bis zum 2. Mai 1941 über Spanien und Portugal zu verlassen.

Am 26. April geht ihr Flug vom Stuttgarter Flughafen in die spanische Hauptstadt Madrid. Am 29. befinden sie sich bereits in Lissabon. Portugal hat auf Grund der stark steigenden Zahl an Geflüchteten die Aufenthaltsdauer auf 30 Tage begrenzt. Zudem werden Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Nach all diesen Strapazen und Anstrengungen, legen sie im Mai 1941 mit einem der letzten Schiffe in Richtung USA ab.