Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg

Jeder in der Bevölkerung ist ihnen begegnet – Zwangsarbeit im Dritten Reich

Mehr als 20 Millionen Männer und Frauen aus den von Hitler-Deutschland besetzten Gebieten werden während des 2. Weltkriegs zum Arbeitseinsatz in Rüstungsbetrieben, auf Baustellen, in der Landwirtschaft, im Handwerk oder in Privathaushalten gezwungen. Sie sollen die im Kriegeinsatz befindlichen Männer der Deutschen Wehrmacht ersetzen. Die deutsche Kriegswirtschaft, Industrie und Landwirtschaft wäre ohne ihr Zutun zusammengebrochen. Ein Teil der Betroffenen ist den ausländischen Zivilarbeitern zuzuordnen, die teils noch freiwillig, aber auch schon unter Druck rekrutiert werden. Der überwiegende Teil aber sind Kriegsgefangene und die sogenannten „Ostarbeiter“, die unter besonders widrigen und menschenverachtenden Bedingungen ihre Arbeit ableisten müssen. Ebenfalls nicht zu vergessen seien unsere früheren jüdischen Nachbarn, die bereits ab 1938 Zwangsarbeit ableisten. An dieser Stelle sei an ihr Schicksal erinnert.

Wäre da nicht der Stacheldraht, so könnte man denken, die deutschen Wehrmachstsoldaten und die Männer in Zivil hätten sich einfach für ein Gruppenfoto zusammengefunden. Es herrscht eine lockere Atmosphäre, die beiden Soldaten wirken entspannt, tragen keine Waffen bei sich. Und auch die vermutlich zumeist aus Frankreich stammenden Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen blicken unverkrampft in die Kamera. Einer legt sogar kess seinen Fuß auf den Drahtverhau.
Diese Lagerhalle auf der Steimeler Straße, die laut der Aufschrift Erich Noll gehörte, war die Unterkunft der Kriegsgefangenen, die in Puderbach Zwangsarbeit leisteten. Vor dem Gebäude unterhält sich das „Muschender Milchen“ mit den wachhabenden Soldaten.
Französische Zivilarbeiter oder Kriegsgefangene?

Ich bin mir nicht sicher, ob die bei den Bauern in Puderbach eingesetzten französischen Zwangsarbeiter, rekrutierte Zivilarbeiter oder inhaftierte Kriegsgefangene waren. Wahrscheinlich gehörten sie beiden Gruppen an. Das Verhältnis zwischen der hiesigen Landbevölkerung und den Arbeitern kann als freundlich und entspannt angesehen werden, wie einige Fotoaufnahmen und zahlreiche Erzählungen glaubhaft vermitteln.

Diese Aufnahme mag ich besonders gerne. Zu sehen ist der französische Zwangsarbeiter Max, mit vollem Vornamen wahrscheinlich Maximilien, der auf dem Bauernhof meiner Urgroßeltern arbeitete. Hier steht er vor dem Scheunentor zusammen mit den zwei prächtigen Ochsen der „Sannersch“. Lässig hat er einen Arm auf dem Horn des rechten Tieres abgelegt. Das Bild dürfte um 1941 entstanden sein.
Hier nochmal eine Aufnahme von dem französischen Zwangsarbeiter Max, der auf dem Hof der Deneus arbeitete. Das Foto entstand im Mai 1941. Links neben ihm sitzt Robert Fleury, der der Familie Born, dem „Muschender Philipp“, zugeteilt war. Er scheint ein Kriegsgefangener gewesen zu sein, da er seine französische Uniformjacke trägt. Der Knirps auf seinem Schoß ist Walter Schuh vom Reichensteiner Weg.
Wenn man es nicht wüßte, könnte man denken, daß hier ein Ehepaar mit dem Einbringen der Kartoffelernte beschäftigt ist. Doch Lina Schuhs Ehemann Alfred kämpft wie so viele andere deutsche Männer an den Fronten des 2. Weltkrieges. Da sie die schwere Arbeit auf dem Hof nicht alleine erledigen kann, wird ihr der französische Zwangsarbeiter Josephe Duval zugeteilt. Hier sieht man die beiden beim Kartoffeln einholen im Herbst 1942. Der vierjährige „Kläfonks“ Walter sitzt zwischen ihnen.
Am 19. Mai 1945 stellten die beiden Kriegsgefangenen Marcel Perronin und Justin Boutary der Gastwirtsfamilie Zerres das oben zu sehende Dokument aus (hier als Abschrift). Sie hatten bis zu diesem Zeitpunkt vergeblich auf die französischen Besatzungstruppen gewartet, die jedoch erst Ende Juli 1945 die US-amerikanischen Einheiten ablösten. Während der deutschen Offensive vom 10. Mai bis zum 25. Juni 1940 gerieten sie in Gefangenschaft und leisteten fünf lange Jahre Zwangsarbeit ab. In dieser Zeit hatten sich Willi und Emma Zerres stets freundlich und respektvoll gegenüber den beiden Männern gezeigt. Man kann davon ausgehen, daß ihr vorbildliches Verhalten nicht der Regel entsprach. (Beitrag vom 21.03.2022)
Entlohnung

Den Zwangsarbeitern und Arbeiterinnen steht eine Entlohnung zu, die sich an Lohnsätze vergleichbarer deutscher Arbeiter richtet. Jedoch werden ihre Arbeitslöhne viel stärker besteuert und Kosten für Unterkunft, Verpflegung und ähnliches werden ebenfalls abgezogen. Noch schlimmer ergeht es den Ostarbeitern und Kriegsgefangenen. Die oftmals in eigenen Lagern untergebrachten Arbeitskräfte erhalten ein sogenanntes Lagergeld, das nur dort gültig ist. Den eigentlichen Lohn behält die deutsche Lagerleitung ein.

Die Entlohnung der jüdischen Zwangsarbeiter scheint noch schlechter ausgefallen zu sein, wie ein Schriftwechsel zwischen der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, die für die arbeitsfähigen Männer und Frauen zuständig ist, und dem damaligen Amtsbürgermeister Günther zeigt. Für die körperlich schwere Arbeit bei dem Bauunternehmer Müller in Woldert bekommen Max Cahn und Jakob Levi in der Stunde nur 40 Pfennige ausgezahlt, obwohl ein Hilfsarbeiter zu dieser Zeit bereits mit 63 Pfennigen vergütet wird.

Da der Lohn für den Unterhalt der Familien nicht ausreicht, beantragen die beiden Männer in der Kölner Bezirksstelle eine Wohlfahrtsunterstützung. Die wird daraufhin aktiv und erkundigt sich bei den zuständigen Behörden über die Arbeits- und Lohnverhältnisse vor Ort.
Die Antwort des Bürgermeisteramts in Puderbach auf die Anfrage der Reichsvereinigung der Juden fällt wie zu erwarten aus. Den Männern, die inzwischen in der Raubacher Molkerei arbeiten, wird unterstellt, daß sie nicht voll arbeitsfähig seien und hinter den Leistungen der deutschen Mitarbeiter zurückblieben. Zudem wird Ihnen vorgeworfen, an Samstagen nicht durchzuarbeiten. Welch ein Hohn! Am Samstag ist für alle Juden Shabbat, der 7. Tag der Woche und ein Ruhetag, an dem die Gläubigen keine Arbeit verrichten dürfen. Zuletzt wird indirekt mit einer Kündigung gedroht, falls Cahn, Levi und Jakob nicht mit ihrem Lohn zufrieden seien.
Arbeitsbuch für Ausländer

Alle Zwangsarbeiter müssen einen Ausweis bei sich tragen, das sogenannte „Arbeitsbuch für Ausländer“, in dem wie in einem normalen Ausweisdokument Name, Geburtsdatum und Geburtsort vermerkt sind. Zudem wird angegeben, bei wem der Fremdarbeiter zur Zeit beschäftigt ist.

Das Arbeitsbuch für Ausländer des Franzosen Louis Bourcier.
Louis Bourcier wird am 19. August 1922 in Roussay geboren. Die Ortschaft liegt im Département Maine-et-Loire.
Laut der Eintragung ist er seit dem 14. Juli 1943 bei dem Landwirt Christian Oettgen in Oberdreis als Landarbeiter tätig.
Die Ostarbeiter und sowjetischen Kriegsgefangenen

Seit Dezember 1941 werden durch eine Verordnung des Reichsministers Alfred Rosenberg alle Bewohner und Bewohnerinnen der besetzten Ostgebiete einer Arbeitspflicht unterstellt. Davon betroffen sind Männer bis zum Alter von 65 Jahren und Frauen zwischen 15 und 45 Jahren vornehmlich aus der Ukraine, aus Polen und Russland. Den örtlichen Behörden werden gleichzeitig Kontingente zu rekrutierender Zwangsarbeiter vorgeschrieben. Aus Verzweifelung und Angst vor drakonischen Strafen bei Zuwiderhandlung greifen die lokalen Verwaltungen zu immer drastischeren Mitteln. Unbeteiligte Passanten werden auf offener Straße ergriffen und zu den Sammelstellen gebracht, wo sie mit Gütterwaggons weiterverfrachtet werden.

Im Sommer 1942 wird zusätzlich für alle Jugendlichen aus der Ukraine zwischen 18 und 20 Jahren ein zweijähriger Pflichtdienst im Reich eingeführt.

So oder so ähnlich mag die russische Ostarbeiterin ausgesehen haben, die dem Bauernhof meiner Urgroßeltern zugeteilt wurde. Die Art und Weise, wie meine Oma über dieses Mädchen mit dem Namen Jewa sprach, war extrem abfällig und entsprach der gängigen Sicht auf die osteuropäische Bevölkerungsgruppe der damaligen Zeit. Im Gegensatz zu den französischen Zwangsarbeitern gab man sich mit den Ostarbeitern nicht ab. Die junge Frau auf der Fotografie mußte für das Eifelwerk in Eichelhardt arbeiten.
Ostarbeitererlass

Am 20. Februar 1942 treten die sogenannten „Ostarbeitererlasse“ in Kraft, die das Leben der osteuropäischen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen und das der sowjetischen Kriegsgefangenen extrem beschneidet. Zu den diskriminierenden Ver- und Geboten gehören u.a. das Tragen eines Stoffstreifens mit der Aufschrift „Ost“, Verbot jeglichen Kontakts mit Deutschen, gesonderte Unterbringung der Ostarbeiter nach Geschlechtern getrennt, bei Nichtbefolgen von Arbeitsanweisungen droht den Zwangsarbeitern die Einweisung in ein Arbeitserziehungslager, schlechtere Verpflegung und weniger Lohn als deutsche Arbeiter, Verbot, Geld und anderen Wertgegenstände zu besitzen usw.

Auch die Benutzung bzw. der Besitz eines Fahrrads ist den Ostarbeitern und Ostarbeiterinnen strengstens verboten. Wenn man diesen Hintergrund kennt, bekommt die Geschichte, die meine Großmutter von Jewa erzählte, dem russischen Mädchen, das auf dem Bauernhof meiner Urgroßeltern arbeiten mußte, eine ganz andere Bedeutung. Sie wagt es, sich das Fahrrad meiner Großmutter zu greifen und mit meinem damals vier- oder fünfjährigen Vater eine rasante Spritztour über die Mittelstraße zu unternehmen.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Um 1950, fünf Jahre nach Kriegsende, leitet die Koblenzer Staatsanwaltschaft einen Verfahren ein, in dem 15 Männer und eine Frau wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt werden. Den Betroffenen, die aus Puderbach und den umliegenden Ortschaften stammen, werden neben den gewalttätigen Ausschreitungen in der Pogromnacht vom 10. November 1938 auch Übergriffe auf politisch Andersdenkende, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene vorgeworfen. Eine Person steht besonders im Fokus der Untersuchungen, der frühere Ortspolizist G. Bay. Hier seien zwei der vielen Zeugenaussagen aufgeführt, die deutlich machen, wie Bay gegen die Fremdarbeiter vorging.

Der in Muscheid wohnende Peter Neuer beschreibt sehr eindringlich, wie Bay gegen die beiden russischen Jungen vorgeht. Er selbst weiß, was es heißt, in die Fänge von Polizei und Gestapo zu geraten. 1943 wird er wegen vermeintlich hetzerischen Reden gegen Hitler von Bay verhaftet und in die Gestapozentrale nach Koblenz verbracht. Zu seinem großen Glück wird er bereits am selben Abend wieder entlassen.
Der Landwirt Peter Velten aus Richert berichtet in seiner Zeugenaussage von dem aus der Ukraine stammenden Ostarbeiter Iwan Grasnikow. Seit Mai 1942 arbeitet er auf dem Hof seiner verwitweten Schwester und ist auf Grund seiner schnellen Auffassungsgabe und seiner ordentlichen Art sehr geschätzt. Den auf die Oberkleidung aufgenähten Stoffstreifen mit der Aufschrift „Ost“ für Ostarbeiter, den alle osteuropäischen Zwangsarbeiter tragen müssen, empfindet Grasnikow als extrem entwürdigend. Auch seine beiden Schwestern sind zwangsweise rekrutiert und arbeiten bei Bauern in Rodenbach. Die willkürliche und aggressive Überprüfung Grasnikows durch Bay ist beschämend.

Links:

Über das große Thema Zwangsarbeit

https://de.wikipedia.org/wiki/NS-Zwangsarbeit

https://www.bundesarchiv.de/zwangsarbeit/

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/industrie-und-wirtschaft/zwangsarbeit.html

Besonders hinweisen möchte ich auf die zahlreichen Interviews mit Betroffenen, die das Archiv für Zwangsarbeit zur Verfügung stellt.

https://www.zwangsarbeit-archiv.de/zwangsarbeit/zwangsarbeit/zwangsarbeit-begriffe/index.html

Kriegszeit in Puderbach 1939-1945

Falls Sie die Beiträge über den Beginn des 1. Weltkriegs bzw. über die Reichserntefeste in Puderbach schon einmal gelesen haben, so werden Sie sich an die Tagebuchaufzeichnungen des Landwirts Otto Haberscheidt erinnern. Der gebürtige Puderbacher hatte bereits in jungen Jahren damit begonnen, wichtige Ereignisse seines persönlichen Lebens sowie der Ortsgeschichte schriftlich festzuhalten. Eines seiner Kapitel beschreibt die Geschehnisse in Puderbach während der Kriegsjahre 1939 bis 1945 sowie der ersten drei Jahre der Nachkriegszeit. 

Am 8. Mai 2025 jährte sich die Kapitulation Nazi-Deutschlands und das Kriegsende bereits zum 80sten Mal. Wie es schon unser früherer Bundespräsident Richard v. Weizsäcker in seiner denkwürdigen Rede am 8. Mai 1985 im Bundestag sagte, sollte man diesen Jahrestag des Endes des 2. Weltkriegs nicht als Niederlage, sondern als Tag der Befreiung von einem Unrechtsregime begreifen.  

Den diesjährigen Gedenktag nehme ich zum Anlass, um aus den handschriftlichen Aufzeichnungen Otto Haberscheidts zu zitieren. 1939 beginnt er seine Eintragungen wie folgt:

1939

Nach Beendigung des Polenfeldzugs durchzogen, infolge der Truppenverschiebungen nach dem Westen, öfters motorisierte Truppen unseren Ort, ohne daß sie Quartier bezogen.

Am 29. Oktober erhielten wir die erste Einquartierung. Es waren fünf Fliegernachschubkolonnen mit einer Stärke von je ungefähr 30 Mann mit 12 Last- und einem Personenwagen. Die Mannschaften waren meistens Sachsen und ein großer Teil mit ihren eigenen Wagen eingezogen worden. Da diese keine militärische Ausbildung erhalten hatten, ist erklärlich, das jede Disziplin in der Truppe fehlte und sie deshalb der „Kriegerverein“ genannt wurde.

Anmerkung: Bei der Kolonne könnte es sich um das Nachschubbataillon 542 bzw. 543 handeln. Aufgestellt im August 1939 im Wehrkreis IV (Sachsen) wurden die Männer zunächst in Polen eingesetzt. Von dort führte sie ihr Weg an die Westfront. 

Da sich der Angriffskrieg im Westen durch Munitionsmangel nach dem Polenfeldzug, schlechtem Wetter im November 1939 und dem dann folgenden Wintereinbruch weiter verzögerte, dauerte die Einquartierung bis ins Frühjahr 1940. 

Da mir keine Unterlagen oder Fotos zu den Einquartierungen im Westerwald vorliegen, seien diese Bilder aus dem nordrhein-westfälischen Raesfeld gezeigt, die einen Eintrug über die Unterbringung der deutschen Truppen vermitteln. Vielleicht mag es in Puderbach ähnliche Szenen gegeben haben.Einquartierungen, Soldaten der Waffen-SS mit ihren Lastkraftwagen auf dem Hof Schulze Böckenhoff. Mitglieder einer motorisierten SS-Einheit aus Österreich, die von Herbst 1939 bis Frühjahr 1940 in Raesfeld stationiert war. (Bildquelle: Bildarchiv/Bildatenbank LWL)

Im oberen Kirchdorf lag die „Stiefelkolonne“, so genannt nach ihrem Führer Leutnant Stiefel. In den Küchenräumen des Gemeindesaals hatten sie ihre Küche und Schreibstube eingerichtet. Einen Saal benutzen sie als Speiseraum, in welchem sie auch ihren Innendienst, oder richtiger, ihre Zusammenkünfte abhielten. In einem Saal hatten sich verschiedene einquartiert, welche wegen ihrer nächtlichen Ausschweifungen kein Bürgerquartier erhalten konnten. Ihren Hauptdienst hielten sie in den Wirtschaften ab, aber an den Gottesdiensten beteiligten sich in ganz seltenen Fällen nur einige, obgleich die größte Mehrheit evangelisch war.

Wie Otto Haberscheidt schreibt, waren die meisten Soldaten bei den Familien des Dorfes untergebracht. Ob sie neben dem Essen der Feldküche im Ev. Gemeindehaus auch an den Mahlzeiten der Bauern teilnahmen wie hier im westfälischen Raesfeld?Einquartierungen, Soldaten der Waffen-SS im Haus Hüttemann, genannt Könning mit Klothilde Hater, Elisabeth Hater, Lydia Föcking, Maria Föcking und Hedwig Hater. Die Männer waren Mitglieder einer SS-Einheit aus Österreich, die von Herbst 1939 bis Frühjahr 1940 in Raesfeld stationiert war. (Bildquelle: Bildarchiv/Bildatenbank LWL)

Einen entschieden besseren Eindruck machten dagegen Offiziere und Mannschaften der 1., 2. und 4. Kompanie des Inf(anterie) Reg(iments) 75, welche am 3. November noch dazu einquartiert wurden, jedoch am 13. November wieder abrückten in die Eifel.

1940

Am 5. März 1940 bezog dann die 6. Komp. vom Inf. Reg. 75 wieder Quartier in Puderbach. Die Fliegernachubkolonnen verließen am 14. März den Ort und wurden in die Gegend um Trier verlegt. Die 6. Komp. 75 wurde am 25. April in die Eifel verlegt und drei Tage später erhielten wir die 5. Komp. und Bataillonsstab vom 13. Inf. Reg. Am 10. Mai rückte das Regiment wieder ab zur Offensive nach dem Westen. 

„Führer-Parade 1940 in Puderbach“. So sind diese beiden Fotografien auf der Rückseite beschriftet. Auf dem Gelände des Sportplatzes hat eine große Zahl an Wehrmachtssoldaten, ich vermute es handelt sich um mehr als 200 junge Männer, Haltung angenommen. Der Aufmarsch dürfte am 20. April 1940 mit der Kamera festgehalten worden sein und fand zu Ehren des 51. Geburtstag von Adolf Hitler statt. Neben den Armeeangehörigen hat sich eine Schar schaulustiger Dorfbewohner eingefunden, zu erkennen am linken, oberen Bildrand.Warum befanden sich so viele Soldaten in dem kleinen Westerwalddorf? Waren die Kompanien für den zwanzig Tage später beginnenden Westfeldzug gedacht? Am 10. Mai 1940 überfielen Deutsche Wehrmachtstruppen die Niederlande, Belgien, Luxemburg und Frankreich.So hatte ich dieses Foto unter dem Menüpunkt „Puderbach in alten Ansichten“ eingestellt. Beim Lesen der Zeilen von Otto Haberscheidt wurde mir klar, daß es sich bei den Soldaten um die 6. Kompanie Infanterie Regiment Nr. 75 handeln muß. Vom 15. März bis zum 25 April 1940 waren die Männer in Puderbach untergebracht. Die beiden Bilder vermitteln einen Eindruck, wie groß die Einheit war und wie beschwerlich die Einquartierungen seit Oktober 1939 für die Puderbacher Dorfbevölkerung gewesen sein müssen. (Beitrag vom 18.05.2025)
Die zweite Einstellung der Führer-Parade vom 20. April 1940. Fünf Tage später verließ die Einheit Puderbach in Richtung Eifel. Doch keine drei Tage später erfolgte die nächste Einquartierung der 5. Kompanie Infanterie Regiment Nr. 13, die bis zum 10. Mai dauerte. (Beitrag vom 18.05.2025)

Seit dieser Zeit erhielten wir keine Einquartierung mehr. Bei Beginn der Kampfhandlungen im Westen überflogen dauernd Kampfgeschwader unsere Gegend. Weiter war von diesen Kämpfen in der Heimat nichts zu merken. Erst nach Abschluß der Kämpfe in Frankreich, überflogen öfters bei Nachtzeit englische Flieger unsere Gegend. Fliegerabwehr am Rhein setzte dann ein und abgeworfene Leuchtfallschirme der Flieger leuchteten bis auf den Westerwald. Öfters warfen die feindlichen Flieger auch Flugblätter ab, so das manchmal die Felder voll lagen. Auch wurden Brandplättchen abgeworfen, welche sich bei einer gewissen Sonnenwärme entzündeten. 

Noch heute befindet sich dieses britische Flugblatt im Privatbesitz der Familie Kaulbach bzw. Haddad. Es war der 1922 in Dierdorf geborene Paul Kaulbach, der es als Wehrmachtsoldat 1943 in Rußland aufsammelte, nachdem es britische Flieger über den Truppen abgeworfen hatten. Es ging den Allierten darum, die Moral unter den deutschen Soldaten zu schwächen und ihnen die Ausweglosigkeit des Krieges, der nun schon ins vierte Jahr ging, zu verdeutlichen. (Beitrag vom 18.05.2025)
Die Rückseite des britischen Flugblattes. Das Aufbewahren eines solchen Dokuments war durchaus riskant, wie es ein Gerichtsurteil aus Berlin zeigt. Am 14. April 1944 wurde ein gewisser Max Scheibe von dem dortigen Kammergericht wegen Feindbegünstigung zu einer Zuchthausstrafe von drei Jahren verurteilt. Er hatte mehrere britische Flugblätter nicht ordnungsgemäß in der nächsten Polizeidienststelle abgeliefert, sondern aufbewahrt und an Bekannte weitergeleitet.Auch für den damals 21jährigen Paul Kaulbach dürfte das Aufbewahren des Zettels ein Wagnis gewesen sein. (Beitrag vom 18. Mai 2025) 

Anmerkung: Die Brandplättchen über Puderbach wurden im Zuge der Operation Razzle von der Royal Air Force abgeworfen. Die wie Pellets geformten Plättchen waren fünf mal fünf Zentimeter groß, einen Millimeter dick, von grauer oder schwarzer Farbe und wogen fünf Gramm. Das in der Mitte befindliche Loch war mit einem Stück Phospor und einem Phospor getränkten Stück Gaze versehen. Durch Sonneneinstrahlung sollten sich die tausendfach abgeworfenen Brandplättchen entzünden und damit die für die Versorgung der deutschen Bevölkerung wichtige Getreideernte vernichten. 

Der erste Einsatz dieser Brandbeschleuniger erfolgte im August 1940 in einem Gebiet südöstlich der Ruhr und somit auch über Teilen des Westerwalds. Durchsetzen konnte sich dieses Angriffsverfahren nicht und bereits 1942 wurde das Manöver wieder eingestellt.  

1941

Angeblich wegen Fliegerbeobachtung war seit Kriegsbeginn Läuteverbot und durfte täglich nur einmal drei Minuten geläutet werden. Seit Frühjahr diesen Jahres wurde dieses Verbot aufgehoben, obgleich die Fliegerangriffe immer häufiger wurden. 

1942

Die Fliegerangriffe nehmen immer mehr zu. Nicht selten fliegt der Engländer auch bei Tage ein. Obwohl unser Ort bis jetzt von Bombenabwürfen verschont blieb, wurden jedoch in der Umgebung einige Bomben abgeworfen, richteten aber nur geringen Schaden an. Oft zogen bei Nacht feindliche Flieger stundenlang über unseren Ort vorüber. Für gute Verdunkelung des Ortes wurde strengstens gesorgt. Zwecks Alamierung bei Bombenabwürfen mussten die Einwohner abwechselnd Nachtwache halten. 

Bei den von Otto Haberscheidt erwähnten Bombenabwürfen könnte es sich um die auf  Höhr-Grenzhausen handeln. Bereits in den Nachtstunden vom 30. auf den 31. Mai hatten britische Fliegerverbände, die auf dem Weg zur Rheinmetropole Köln waren, zehn Bomben abgeworfen, die aber keinen nennenswerten Schaden angerichtet hatten.Deutlich größer fielen die Zerstörungen am 11. August aus. 154 britische Kampflieger, deren Ziel die Stadt Mainz war, warfen Nachts gegen 1.15 Uhr zwischen 600 u. 800 Stab-Brandbomben über den Stadteil Höhr ab. Vierzehn Fabrik- bzw. Geschäftsgebäude wurden ein Raub der Flammen, sowie neun Privathäuser. Auf dem Foto sehen wir das Hotel Meurer, das völlig ausbrannte. (Beitrag vom 19.05.2025 / Bildquelle: https://www.hoehr-grenzhausen.de/neuigkeiten/2025/januar/vor-80-jahren-bombadierung-von-hoehr-grenzhausen/#:~:text=Bereits%20im%20August%201942%20wurde%20die%20Stadt,heutigen%20Alexanderplatz%20durch%20Brandbomben%20vollst%C3%A4ndig%20zerst%C3%B6rt%20wurde.&text=Seine%20Frau%20Irma%20(36)%20sowie%20die%20Kinder,(7)%20und%20Karin%20(1)%20kamen%20ums%20Leben.)

Anmerkung: An dieser Stelle folgt im Tagebuch von Otto Haberscheidt der Bericht über den Abtransport der zweiten Kirchenglocke namens Maria, die für Rüstungszwecke eingeschmolzen werden sollte. Da ich schon unter dem Menüpunkt Die Evangelische Kirchengemeinde darüber berichtet habe, möchte ich an dieser Stelle darauf verzichten. 

Auch der Wolkenbruch, der sich am 24. Juni 1942 ereignete und der bei einigen Dorfbewohnern für überschwemmte Keller und Wohnräume sorgte, soll erwähnt, aber nicht ausgeführt werden. 

1943

Mit Ausnahme von verschiedenen Durchflügen von feindlichen Fliegern, ereignete sich Anfang des Jahres nichts von Bedeutung. 

Mai

In der Nacht vom 29. zum 30. Mai wurde die Bevölkerung aus dem Schlaf geweckt, als feindliche Flugzeuge eine Stunde lang, Welle auf Welle folgend, unseren Ort überflogen. 

Anmerkung: Bei den feindlichen Fliegern dürfte es sich um britische Bomber gehandelt haben, die u.a. einen Angriff auf die rund 186.000 Einwohner zählende Stadt Wuppertal-Barmen flogen. Insgesamt 719 Maschinen griffen in den Abendstunden des 29. Mai 1943 von Südwesten kommend das Zentrum Barmens an und warfen 920 Tonnen Spreng- und 1.014 Tonnen Brandbomben über der Innenstadt ab. Der anschließende Feuersturm zerstörte 80 Prozent der Gebäude und kostete 3380 Personen das Leben, der bisher größte Verlust an Menschenleben bei einem einzelnen Luftangriff auf das Deutsche Reich. 

Der nach dem Luftangriff vom 29. Mai 1943 völlig zerstörte Bahnhof von Barmen. (Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Barmer_Bahnhof_nach_dem_Luftangriff_auf_Barmen_1943.jpg#/media/File:Barmer_Bahnhof_nach_dem_Luftangriff_auf_Barmen_1943.jpg)
Auf ebay konnte ich vor einigen Tagen zwei alte Negative erwerben, die einen Teil der schweren Zerstörungen in der Wuppertaler Innenstadt zeigen. Bei dem länglichen Gebäude mit Schweifgiebel im Bildhintergund handelt es sich um das 1911 erbaute Warenhaus Kaufhof an der Ecke Neumarktstraße und Wall. Von den zahlreichen Geschäftshäusern, die sich in diesem Bereich befanden, wurden fast alle völlig zerstört. Die Ruine des Kaufhofs überdauerte das Kriegsende und ein Teil der alten Fassade wurde in den Neubau der 1950er Jahre einbezogen. (Beitrag vom 23.05.2025)
Hier das Warenhaus vor seiner Zerstörung am 29. Mai 1943. (Beitrag vom 23.05.2025)
Eine weitere Fotografie aus dem zerstörten Wuppertal-Barmen. Die Aufnahme scheint aus einem fahrenden Fahrzeug aufgenommen worden zu sein. Um welche Gebäude es sich handelt, ist mir leider nicht bekannt. (Beitrag vom 23.05.2025)

Rund zwei Wochen vorher hatten 2.000 Wehrmachtssoldaten und SS-Männer den Aufstand des Warschauer Ghettos blutig niedergeschlagen und die verbliebenen 43.000 jüdischen Einwohner in Vernichtungslager deportiert. 

Juni

Dasselbe wiederholte sich in der Nacht vom 29. zum 30. Juni. Bei diesem Durchflug wurden in Altenkirchen einige Brandbomben abgeworfen, wodurch zwei Häuser abbrannten. 

Anmerkung: Dieser Luftschlag dürfte der Kölner Rheinmetropole gegolten haben. Gegen 1 Uhr nachts heulten die Sirenen in der Stadt und warnten die 560.000 Einwohner vor dem bevorstehenden Luftangriff. Als die 500 Flugzeuge Köln erreichten, warfen sie etwa 67 Luftminen, 1.000 Sprengbomben, 158.000 Brandbomben und 4.000 Phosporbrandbomben ab. Besonders die Luftminen, deren Druckwelle reihenweise Dächer abdeckte und Häuser zum Einsturz brachte, sowie die Phosporbrandbomben, die sich nicht löschen ließen, waren der Schrecken der Bevölkerung. Eine Augenzeuge erinnerte sich wie folgt: 

„Ein einzig großes Feuermeer, wohin man auch sah. (…) Das Dom-Hotel brannte. Das Café Reichard brannte. Ich bin am Heinzelmännchenbrunnen vorbei zum Rhein gelaufen, dort brannte es auch.“ 

Bilanz des Angriffs: 4.377 Tote, vermutlich ebenso viele Verletzte, 6.300 zerstörte Gebäude, darunter 24 Schulen, 2 Krankenhäuser und 17 Kirchen und die Zahl der Obdachlosen stieg auf 230.000. 

Der sogenannte „Peter-und-Paul-Angriff“ vom 29. auf den 30. Juni 1943 war einer der schwersten auf die Rheinmetropole. Die Bilanz aller 262 Bombardierungen von 1942 bis 1945 fällt verheerend aus: die Altstadt Kölns wurde zu 95 Prozent zerstört und rund 20.000 Menschen verloren ihr Leben.Diese Aufnahme dürfte zwischen 1944 u. 1946 entstanden sein. Die Kölner Innenstadt ist nur noch ein Trümmerfeld. (Beitrag vom 26.05.2025)
Eine weitere Fotografie der zerstörten Innenstadt mit der Silhouette des Kölner Doms. Auch das Gotteshaus hatte schwere Schäden durch die Fliegerangriffe erlitten. Bei dem von Otto Haberscheidt erwähnten Luftangriff explodierte eine Bombe über dem Dach des nördlichen Querschiffs und brachte alle vier Gewölbefelder zum Einsturz. Die Schuttmassen zerstörten die Domorgel, deren älteste Teile noch aus dem 16. Jahrhundert stammten. Das der gotische Kirchenbau nicht vollends zerstört wurde, mag daran liegen, daß er den Bomberpiloten als Orientierungshilfe bei ihren Angriffen auf die Stadt diente. (Beitrag vom 26.05.2025)

Nur viereinhalb Monate zuvor, am 2. Februar 1943 hatte die 6. Armee in Stalingrad nach wochenlanger Einkesselung kapituliert. Eine halbe Millionen Russen verloren ihr Leben, sowie 150.000 deutsche Soldaten. Immer weniger Deutsche glaubten an die Mär des Endsiegs. Doch Reichsminister Goebbels rief vierzehn Tage später einer ausgewählten Menge zu:

„Wollt ihr den totalen Krieg? (…) Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt vorstellen können?“

Juli

In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli wiederholte sich das mit Überflügen, ebenfalls die nächste Nacht, nur flogen diese in östlicher Richtung an unserem Ort vorbei. Am 30. Juli flogen mehrere Staffeln am Tag über unsern Ort, ebenfalls die Nacht darauf, diese aber warfen beim Durchflug eine Unmenge an Staniolstreifen ab, die bisher noch unbekannt waren.  

Anmerkung: Zur Abwehr der alliierten Bomberstaffeln setzte die deutsche Wehrmacht zunächst Flakgeschütze sowie Tag- und Nachtjäger ein. Mit Ausweitung der großen Flächenbombardements kam eine neue Technologie zum Einsatz, die sogenannten Funkmessgeräte, die es ermöglichten, herannahende Fliegerverbände durch elektromagnetische Wellen (Radar) zu orten und anzugreifen. 

Als die Zahl abgeschossener britischer Bomber immer mehr zunahm, befahl Großbritanniens Premierminister Winston Churchill 1943 die Verwendung der sogenannten Geheimwaffe Windows, der Störung der Radargeräte durch den großflächigen Abwurf von abertausenden von Staniolstreifen. Die Methode war bereits seit über einem Jahr bekannt, wurde aber, aus Furcht vor dem Einsatz im eigenen Land, nicht angewendet. 

Erstes Opfer dieser sehr erfolgreichen Radarstörung war die Hansestadt Hamburg. Ab 24. Juli 1943 flogen britische und amerikanische Luftstreitkräfte die 1.5 Millionen Einwohner zählende Großstadt an und warfen ganze Wolken von Silberpapierstreifen über der Metropole ab. Fazit der sogenannten Operation Gomorrha, die bis zum 3. August andauerte: Ganze Stadtviertel waren durch Bombardement und anschließendem Feuersturm verwüstet und unbewohnbar, 34.000 Frauen, Männer und Kinder verloren ihr Leben und 125.000 wurden verletzt. 

August

Heute am 15. August gegen 10 Uhr überflogen mehrere feindliche Flieger in westlicher Richtung unsern Ort. Hierbei kamen es zu einem kurzem Zusammenstoß mit unsern Jägern. Nach einem gegenseitigem Maschinengewehrfeuer verschwanden sämtliche Flugzeuge in den Wolken bis auf ein feindliches, welches einen Brandstreifen hinterließ und in Richtung Koblenz davonflog. Die Besatzung soll schon bei Vallendar abgesprungen sein. 

Heute Mittag den 19. August hörte man, wie starke Fliegerverbände rheinabwärts zogen. Kurze Zeit darauf überflog, aus östlicher Richtung kommend, ein Verband von ca. 80 und folgend einer von ca. 100 feindlichen Fliegern unseren Ort. Sie wurden verfolgt von nur zwei unserer Jäger, welche, sobald der Feind das Feuer eröffnete, wieder abbogen.  

In der Nacht vom 27. auf den 28. August gegen 1 Uhr überflogen starke feindliche Verbände unsern Ort und kamen gegen 3 Uhr wieder zurück, wahrscheinlich vom Angriff auf Nürnberg. 

Anmerkung: Ein damals Zehnjähriger erinnert sich an die Zerstörungen in dem zu Nürnberg gehörenden Stadtteil Laufalmholz:

Nach dem verheerenden Bombenangriff auf den Nürnberger Osten vom 27. auf den 28. August 1943, in dem mein Heimatstadtteil Laufamholz zu großen Teilen vernichtet wurde, mussten wir 10-jährigen Kinder wieder unsere Schule aufsuchen. Sie war nur teilweise zerstört worden, sodass wir noch einige Klassenräume nutzen konnten.

Von unserem Haus aus war es ein Fußweg von etwa zehn bis 15 Minuten. Dieser sonst so vertraute Weg bot nun ein grauenvolles Bild: Die Häuser unserer direkten Nachbarn waren zum Teil ausgebrannt und nur noch rauchende Ruinen. Circa 400 Meter hinter meinem Elternhaus war eine Luftmine niedergegangen, die drei stattliche Mehrfamilienhäuser vollständig pulverisiert hatte. Von ihnen waren nur noch Schuttberge übrig. (…) 

Am Abend des 30. August überflogen in westlicher Richtung feindliche Flieger unsern Ort. Ein Flieger setzte sich über uns von dem Verband ab und setzte eine Reihe von ca. 20 Leuchtschirmen ab.   

Anmerkung: Die von Otto Haberscheidt erwähnten Leuchtschirme bzw. Leuchtkranaten dienten eigentlich dazu, die Gefechtsfelder in der Nacht auszuleuchten und wurden von allierten Fliegerverbänden bei ihren Luftangriffen auf deutsche Ziele genutzt. 1944 und 1945 fanden sogenannte Magnesium-Lichtkaskaden ihren Einsatz, im Volksmund auch Christbäume genannt, die die verdunkelten Städte in gleißend helles Licht tauchten und den Weg frei machten, für die nachfolgenden Bomberstaffeln. 

In der Nacht vom 30. zum 31. August warf ein Flugzeug Flugblätter und Lebensmittelkarten ab. 

Anmerkung: Bei meinen Nachforschungen konnte ich keinen Beleg finden, daß Lebensmittelkarten über deutsches Gebiet abgeworfen worden sind. 

September

In der Nacht zum 1. September überflogen starke feindliche Verbände unsern Ort. 

24. September Abends von 10 bis 12 Uhr Durchflug feindlicher Fliegerverbände. Angriff auf Darmstadt, Mannheim und Ludwigshafen. 

Anmerkung: 29 Britische Flieger warfen am Abend des 24. September 1943 51 Spreng- und 2.779 Brandbomben über das rund 110.000 Einwohner zählende Darmstadt ab. Vor allem die Allstadt mit ihren eng stehenden Fachwerkhäusern, aber auch ganze Häuserzeilen im Martins- bzw. Johannesviertel, wurden ein Raub der Flammen. 149 Menschen kamen ums Leben, 278 wurden zum Teil schwer verletzt. 

Einst war der Platz „Die Insel“ mit seinen Fachwerkhäusern und dem Säulen- und Niebergallbrunnen eine Zierde und der Inbegriff der Darmstädter Altstadt. Nach dem britischen Luftangriff am 24. September bleibt eine Trümmerlandschaft übrig. Die Häuser nördlich des Platzes scheinen komplett dem Erdboden gleich gemacht, die Gebäude südlich schwer beschädigt und nicht mehr bewohnbar. Im Hintergrund erkennt man das noch unversehrte „Pädagog“, die alte Lateinschule aus dem 17. Jahrhundert. (Quellenangabe: Kriegsgefangene und Wehrmachtssoldaten bei Aufräumarbeiten,” Die Zerstörung Darmstadts im Zweiten Weltkrieg, https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/brandnacht/items/show/20.)
So idyllisch sah die Häuserzeile nördlich der „Insel“ vor der kompletten Zerstörung am 23. September 1943 aus. (Bildquelle: Das Buch „Die Darmstädter Altstadt“ v. F. Deppert u. C. Häussler, 1992 Roether Verlag, Darmstadt)
Auch diese Aufnahme zeigt, wie schwer die Zerstörungen in der Darmstädter Altstadt waren. (Quellenangabe: „Förderband zur Trümmerräumung in der Altstadt,” Die Zerstörung Darmstadts im Zweiten Weltkrieg, https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/brandnacht/items/show/21.)

Nur drei Tage zuvor hatten Deutsche Truppen auf der griechischen Insel Kefalonia 5200 italienische Soldaten der Divison Acqui erschossen. Seit dem Balkankrieg von 1941 war das Eiland im Ionischen Meer von deutschen und italienischen Soldaten besetzt.

Nach dem Sturz Musollinis im Sommer 1943 verkündete die neue Regierung in Rom am 8. September den Waffenstillstand mit den alliierten Truppen. Daraufhin besetzte das Deutsche Heer Italien, entwaffnete Hundertausende Soldaten und verschleppte sie als sogenannte Italienische Militärinternierte ins Deutsche Reich, um Zwangsarbeit zu verrichten. 

Rund 12.000 italienische Soldaten auf Kefalonia verweigerten sich der Entwaffnung und leisteten Widerstand. Eine große Zahl kam bei den Gefechten ums Leben, die rund 5200 Männer, die sich den Deutschen Truppen am 21. September 1943 ergeben hatten, wurden exekutiert.

28. September Durchflug einiger Flieger

Oktober

1. Oktober Abends gegen 11 Uhr flogen feindliche Flieger über unsern Ort. 

2. Oktober Abends dasselbe. 

Sonntag den 3. Oktober Abends von 11 bis 12 Uhr zogen wieder größere feindliche Verbände über unsern Ort. Angriff auf Kassel.

Anmerkung: Da Kassel an diesem Abend unter einer geschlossenen Wolkendecke lag und die Leuchtmarkierungen durch starke Winde abgetrieben wurden, blieb die Innenstadt verschont. Dafür traf es die nördlich gelegenen Ortschaften Vellmar, Heckershausen und Sandershausen schwer. 

4. Oktober Den ganzen Morgen Fliegertätigkeit (Angriff auf Frankfurt). Gegen Mittag kam es über unserer Gegend zum Luftgefecht, sodas, wegen der überall einschlagenden Geschosse, in den Feldern alles in Eile nach Hause zog. Ein deutscher Jäger stürzte brennend bei Selters, ein feindlicher bei Montabaur ab.  

So sah der US-Bomber aus, der über Puderbach von einem deutschen Jäger angegriffen wurde. (Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=293912)

Anmerkung: 

Bei dem feindlichen Bomber handelte es sich um eine viermotorige Boeing B-17 Flying Fortress (Fliegende Festung) der US-Amerikanischen Streitkräfte. Die Maschine mit ihrer Zehn-Mann-Besatzung wurde bereits über dem Luftraum von Frankfurt beschädigt und blieb hinter ihrer Formation zurück, als sie bei Puderbach auf den Deutschen Jäger des Nachtjagdgeschwaders 101 traf. Der Pilot und Hauptmann Franz Evers brachte die Maschine zum Absturz. Die Boeing ging bei Eitelborn nieder und der 2nd Lieutenant Stephen M. Monson kam ums Leben. Die übrigen Neun-Mann-Besatzung, 1st Lieutenant Lloyd S. Schaper (Pilot), 2nd Lieutenant Raymond E. Stephens (Co- Pilot), 2nd Lieutenant Woodrow W. Mays (Navigator), Technical Sergeant William J. Bickley (Techniker und Bordschütze), Technical Sergeant Harry J. Weintraub (Funker), Staff Sergeant Donald E. Irons (Bordschütze), Staff Sergeant James A. Regan (Bordschütze), Sergeant Earnest T. Archer (Bordschütze) und Sergeant Donald M. Alton (Heckschütze) wurden festgesetzt und gerieten in Kriegsgefangenschaft. 

14. Oktober Nachmittags überflogen mehrere Staffeln feindlicher Flieger unsern Ort. Ein Flugzeug geriet in Brand, explodierte dann in südlicher Richtung mit der Ladung Bomben und ging dann brennend in die Tiefe in der Nähe von Niederbieber. (…)  

Anmerkung: Im Tagebuch von Otto Haberscheidt folgen bis ins Jahr 1945 Eintragungen mit wiederkehrender Fliegertätigkeit, von denen ich nur noch einige herausgreifen möchte. Auslassungen werden mit einem (…) gekennzeichnet. 

20. Oktober Nachmittags waren schwere Abwehr- und Bombendetonationen Richtung Köln hörbar. 

22. Oktober (…) Die Fliegernachtwache wurde wieder, wie vor zwei Jahren, eingeführt. Es wurde ein Wachbuch angelegt, da aber keine Kontrolle der Wache stattfand, bestand die Wache nur darauf hin, daß am Morgen das Wachbuch mit der Eintragung „auf Wache und Posten nichts Neues“  beim Gemeindebürgermeister abgegeben wurde. (…)

Dezember

20. Dezember Abends Durchflug größerer feindlicher Fliegerverbände, wahrscheinlich von einem Angriff  auf Frankfurt und das Maingebiet. Ein feindliches Flugzeug stürzte bei Isenburg ab. 

Der Handley Page Halifax (Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=751869)

Anmerkung: Bei dem feindlichen Flieger handelte es sich um einen viermotorigen Bomber der Royal Air Force. Das Flugzeug stürzte an einem Steilhang unterhalb des Jagdschlosses Sayneck bei Isenburg ab und die Sieben-Mann-Besatzung konnten sich durch einen Falldchirmsprung retten und gerieten danach in Kriegsgefangenschaft. 

23. Dezember Nachts von 2 Uhr ab Durchflug starker Fliegerverbände. Ein Flugzeug stürzte bei Niedersayn ab. Angriff auf Berlin. (…)

Anmerkung: Es dürfte sich um den Absturz einer britischen Lancaster III handeln, die am 24. Dezember 1943 bei Obersayn zerschellte. Die ganze siebenköpfige Besatzung kam dabei ums Leben. Es handelte sich um Officer M. McMahon (Pilot – RAAF), Sergeant R. B. Stocks (Bordtechniker), Sergeant J. W. Brewster (Navigator), Flight Officer A. G. MacDonald (Bombenschütze – RNZAF), Sergeant A. R. Fleming (Bordfunker), Sergeant G. E. Crawford (Bordschütze) und Sergeant T. Thompson (Bordschütze). 

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