Jüdisches Leben in Puderbach / Die Bärs

Wie bereits im Vorwort erwähnt, wurde es mir nie leid, mit meiner Großmutter die Bilder der Familie zu betrachten und mir ihre Geschichten dazu anzuhören. Insbesondere die Atelier-Aufnahmen um die Jahrhundertwende bis zum Ende des 1. Weltkrieges faszinieren mich bis heute. Alles darauf scheint anders, die Frauen in bodenlangen Kleidern mit Puffärmeln, die Haare als straffen Dutt nach hinten oder onduliert und hochgesteckt getragen, die Männer mit ihren Kaiser-Wilhelm-Bärtchen und Anzug mit Weste und Taschenuhr.

Die Schwestern Toni und Selma Bär

Zwei Portraits zeigen Freundinnen meiner Urgroßmutter Karoline, die Schwestern Toni und Selma Bär, die in direkter Nachbarschaft wohnten, eine große Familie mit insgesamt 8 Kindern, 6 Söhne und die beiden Mädchen.

Die wunderschöne Fotografie von Toni Bär (später verh. Eiser) aufgenommen im Atelier Laux in Bendorf wahrscheinlich um 1905. Der Rufname der Familie lautete „Heims“, vermutlich abgeleitet von dem Großvater Heyum Bär.
Diese Karte schickte Toni Bär 1907 ihrer Freundin Klara Jonas nach Raubach. Sie schreibt: „Gruß aus Puderbach sendet Dir Deine Toni. Hoffentlich befindest Du Dich noch beim besten Wohle, desgleichen ich auch von mir berichten kann. Wir waren am Samstag in Selters auf dem Ball, Louis, Berthold (ihre beiden Brüder), Stern und ich, wo ich mich sehr gut amüsiert habe und habe ich daher gedacht, Du kämst auch dahin. Hoffentlich kommst Du bald einmal nach Puderbach, dann würde ich Dir Näheres erzählen von Selters. Wenn Du kommst, so komme Samstag. Es grüßt Toni“

Toni scheint diejenige gewesen zu sein, die meiner Uroma näher stand, wahrscheinlich derselbe Jahrgang wie sie, im Jahr 1885 geboren. Aber was war aus den beiden Schwestern geworden? Vermutlich hatten sie geheiratet, aber in welche Gegend waren sie verzogen? Welchen Leidensweg sind sie in den Jahren 1933-45 gegangen? Meine Großmutter hatte keine weiteren Informationen.

Selma Bär (später verh. Behr) aufgenommen im Atelier Albert Eisele in Neuwied ebenfalls um 1905.
Königshoven

Erst viele Jahr später nach meinem Ausstellungsprojekt „Jüdisches Leben in Puderbach“ im Jahr 1995 konnte mir der Historiker und Erwachsenenpädagoge Herr Manfred Faust, dessen Familie väterlicherseits ebenfalls gebürtig aus Puderbach stammt, der lange Jahre als Leiter des Stadtarchivs Hürth tätig war und zu meinem großen Bedauern bereits verstorben ist, weitere Auskunft über den Verbleib der Schwestern Bär geben. Hinzu kommt die freundliche Unterstützung mit Bildern und auch weitergehenden Informationen durch Herrn Sittinger, ein profunder Kenner der jüdischen Geschichte Leimersheims.

Toni Bär heiratet den aus Königshoven bei Bedburg am Niederrhein stammenden Hermann Eiser und soll bereits am 22.04.1922 dort verstorben sein.

Leimersheim
Hier sieht man den Ehemann von Selma Bär, den Schuhmacher und „Schammes“ (jidd. für Synagogendiener) Karl Behr.

Die am 24. September 1882 geborene Selma verschlägt es nach Leimersheim bei Karlsruhe. Sie heiratet am 30. Januar 1920 den Schuhmacher Karl Behr. Das kinderlose Ehepaar wohnt im 2. Stock der Synagoge und die beiden sorgen als Gegenleistung in dem Gotteshaus für Ordnung und Sauberkeit.

Hier steht der Schuster Karl Behr, mit Vornamen auch Kaleb genannt, vor der Leimersheimer Synagoge.

Beide müssen die Ausschreitungen in der „Pogromnacht“ am 10. November 1938 miterleben. Karl Behr wird an diesem Abend mit drei anderen Männern in Schutzhaft genommen und für mehrere Wochen ins Konzentrationslager Dachau verbracht. Die Inneneinrichtung der Synagoge wird völlig demoliert und somit wahrscheinlich auch die Wohnung der Behrs. 1939 verschlägt es die beiden dann nach Fürth bei Nürnberg. Hier leben sie in der Hindenburgstraße 3, vermutlich in einem sogenannten „Judenhaus“, bis zu ihrer Deportation am 22. März 1942 nach Izbica in Polen. 17000 Menschen werden in den Monaten März bis Juni 1942 in das Transitghetto verfrachtet, in eine Kleinstadt, die vor dem 2. Weltkrieg 6000 Menschen Platz bot. Von hier aus gehen die Transporte in die Vernichtungslager Belzec und Sobibor. Da man ihren genauen Leidensweg nicht rekonstruieren kann, werden sie nach dem Krieg als verschollen gemeldet.

Links:

Über die jüdischen Familien Leimersheim

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20427/Leimersheim%20Rheinpfalz%209.11.2018.jpg

Karl und Selma Behr bei den jüdischen Fürthern gelistet

https://www.juedische-fuerther.de/index.php/memorbuch-opfer-der-shoah/opfer/opfer-b

Ghetto Izbica

https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_Izbica

Die Familie Aron Bär

Eine sehr alte Aufnahme Puderbachs vermutlich aus dem Jahr 1887. Etwas versteckt mit einem Punkt versehen das Wohnhaus des Aron Bär und seiner Familie, später das Heim der beiden ledig gebliebenen Söhne Albert und Gustav.

Doch gehen wir nochmals zurück und schauen uns die Familie Bär genauer an. Wie bereits erwähnt sind Toni und Selma Bär zwei von acht Kindern des am 23. Mai 1839 in Puderbach geborenen Schächters (koscherer Metzger) Aron Bär und seiner 1848 geborenen Frau Rosa geb. Wolf. Seine erste Frau, die aus Oberdreis stammende Guda Jetta Tobias, verstirbt vermutlich kurz nach der Hochzeit im Jahr 1874. In der 2. Ehe folgen die Kinder in rascher Folge. 1878 erblickt Louis Bär das Licht der Welt, 1882 die bereits erwähnte Selma, 1884 kommt der behinderte Gustav zur Welt, vermutlich 1885 das Mädchen Toni, 1887 Albert, 1890 Berthold und 1891 Otto Bär. Das Geburtsjahr des Sohnes Karl ist mir leider nicht bekannt.

Die ledigen Brüder Albert und Gustav Bär

Eine Detail-Aufnahme der beiden Geschwister Albert (links) und Louis Bär,
die im Mai 1939 entstanden ist. Da man das Wohnhaus Albert Bärs in der
Pogromnacht zerstört und niedergebrannt hat, zieht er zu seinem Bruder
Louis in die heutige Mittelstraße.

Der am 27. Dezember 1887 geborene Albert Bär hat das Handwerk seines Vaters Aron im bescheidenen Maße fortgeführt. Er arbeitet als Schächter, kauft bei den Bauern Puderbachs und der umliegenden Dörfer Ziegen, schlachtet sie und vertreibt das Fleisch und vermutlich auch die Ziegenfelle. Nebenbei führt er eine Schusterwerkstatt, verkauft und repariert Schuhwerk. Mit ihm lebt der am 8. April 1884 geborene Bruder Gustav im Haus. Er kommt körperlich und leicht geistig behindert zur Welt, ist zeitlebens kleinwüchsig.

in den 1930er Jahren wird diese Aufnahme vom „Heims Gustav“ entstanden sein. Er hat sich ganz schick gemacht mit Anzug, Mantel und Hut.

Kein anderer jüdischer Einwohner Puderbachs war meinen Großeltern und deren Generation so lebhaft in Erinnerung wie er. Sicherlich hing das mit seiner Behinderung zusammen.

Toleranz und Demütigung

Das Verhältnis der Dorfbewohner zu ihm ist nur schwer zu beschreiben und in so vieler Hinsicht ambivalent. Er selbst scheint ganz selbstbewußt mit seiner Beeinträchtigung umgegangen zu sein. Er besucht die Nachbarn auf ihren Höfen, nimmt als Anwohner an Hochzeitsfeiern teil, kehrt in den Gastwirtschaften ein, wird zum Maskottchen des hiesigen Fussballclubs ernannt. Aus den Erzählungen der Menschen, die ihn noch selbst kennengelernt hatten, klang sowohl Akzeptanz, sehr häufig aber auch Hohn und Spott, bei damals kleinen Kindern auch Angst. Geschichten, daß man ihm einen abgeschnittenen Sauschwanz anhängte (für gläubige Juden sind Schweine unreine Tiere und dürfen nicht verzehrt werden), daß er auf seinen Rücken gelegt wurde und sich aus dieser Position auf Grund seiner Behinderung nicht selbst befreien konnte, daß man ihm sogar Waffengewalt androhte, sind schwer zu ertragende, aber leider geschehene Tatsachen. Durch seine Behinderung einerseits und seine jüdische Konfession andererseits kam es zu einer doppelten Stigmatisierung.

Gustav Bär aufgenommen in den 1930er Jahren.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 hat sich für die jüdischen Mitbürger Puderbachs schlagartig alles verändert. Die gesetzlichen Verbote, beruflichen Ausschlüsse und diffamierenden Schikanen prasseln in den nächsten Jahren ungehemmt auf sie ein. 1936 kommt es zu folgendem antisemitischen Vorfall.

Umgestürzte Grabsteine

Unbekannte haben drei Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof Puderbachs umgeworfen und höchstwahrscheinlich beschädigt. Einige Mitglieder der Synagogen-Gemeinde sind aufgebracht und diskutieren hinter vorgehaltener Hand nach dem Gottesdienstbesuch. Dies kommt dem ansässigen Polizeihauptwachtmeister Gustav Bay zu Ohren. Er greift sich den arglosen Gustav Bär und lädt ihn wegen falscher Anschuldigung zur Vernehmung vor. In dem amtlichen Schreiben aus seiner Hand heißt es:

„Es wird hier in Puderbach von hiesigen Juden das Gerücht verbreitet, auf dem jüdischen Friedhof in Puderbach wären Grabmäler umgeworfen. Eine Besichtigung des Friedhofs ergab aber einwandfrei, daß die Grabmäler vom Wind oder sonstigen Erschütterungen umgefallen sein müssen. Irgendwelche Spuren, daß die Steine von unbefugter Menschenhand umgeworfen wurden, konnten nicht festgestellt werden. Es waren noch mehrere Grabmäler auf dem Friedhof, wo die Steine ohne Mörtel zwischen den Fugen so wackelig aufeinander standen, daß sie bei der kleinsten Erschütterung umfallen mußten.“

Heilanstalt Waldbröl

Ich kann leider nur mutmaßen, aus welchen Gründen Gustav Bär von seiner Familie getrennt und höchstwahrscheinlich in die über 40 km entfernte Heil- und Pflegeanstalt Waldbröl verbracht wird, möglicherweise im Zuge der sogenannten Aktion „Arbeitsscheu Reich“ im Jahr 1938. Meine Großmutter konnte sich an den Zeitpunkt sehr genau erinnern. Gustav war wie so häufig bei seinen Nachbarn den „Sanners“ zu Besuch, als er vom Ortspolizisten Grundmann abgeholt, auf einen offenen Pritschenwagen verladen und abtransportiert wird. Laut den Recherchen von Herrn Manfred Faust hat man ihn im Anschluß in das Heil- und Pflegeheim Waldruhe in der Gemeinde Wiehl verlegt, da die Anstalt Walbröl im Oktober 1938 von der „DAF“ (Deutschen Arbeitsfront“) übernommen und in ein Hotel umgewandelt wird. 700 Patienten verteilt man in andere Einrichtungen, viele fallen dem NS-Euthanasieprogramm zum Opfer. Gustav Bär stirbt am 14. Januar 1940 unter bisher ungeklärten Umständen und wird auf dem jüdischen Friedhof Nümbrecht beerdigt.

Pogrom 1938

Am 10. November 1938 kommt es auf Grund der Ermordung des Legationssekretärs Ernst von Rath in der deutschen Botschaft in Paris durch den polnischen Juden Herschel Grynszpan zu heftigsten Ausschreitungen gegenüber der jüdischen Bevölkerung. An anderer Stelle möchte ich ausführlich auf dieses für mich unbegreifliche Ereignis eingehen. Hier sei angeführt, daß das Haus der beiden Brüder von einem Mob aus Parteianhängern und zerstörungswütigen Dorfbewohnern durchwühlt, geplündert und demoliert wird. Im Anschluß steckt man das Gebäude in Anwesenheit zahlreicher Schaulustiger in Brand.

Köln Engelbertstraße 23

Obdach- und mittellos zieht Albert zu seinem Bruder Louis Bär in die heutige Mittelstraße. Auch hier hat der Pöbel in der Pogromnacht gewütet und die Geschäftseinrichtung und das Mobiliar zerschlagen. Am 18. September 1939 verzieht Albert Bär nach Köln in die Engelbertstraße 23. Das dort befindliche Wohnhaus dient spätestens ab 1941 als sogenanntes Juden- oder Ghettohaus. In solchen Gebäuden werden jüdische Mieter und Untermieter zwangsweise eingewiesen. Der Umzug dient den NS-Machthabern als erste Stufe der Konzentration vor der Deportierung in Ghettos und Mordlager im Osten.

Ghetto Lodz

Am 30.10.1941 dann deportiert man ihn und 1005 weitere jüdische Mitbürger im sogenannten zweiten Transport von Köln ins Ghetto Lodz/Litzmannstadt (Polen). Die unmenschlichen Zustände in dem im Frühjahr 1940 mit Stacheldraht abgezäunten Stadtteil zu beschreiben, ist kaum möglich. Dieser Bereich der Stadt verfügte über kein fließendes Wasser und keinen elektrischen Strom, er ist mit über 164.000 zwangsumgesiedelten Menschen völlig überfüllt und die Versorgung mit Nahrungsmitteln oder Medikamenten ist gänzlich unzureichend. Rund ein Viertel der Ghettobewohner verhungern oder sterben an Infektionskrankheiten.

Vernichtungslager Kulmhof

Laut dem NS-Dokumentationszentrum in Köln wird Albert Bär am 3. Mai 1942 im Vernichtungslager Kulmhof ermordet. Die aus dem Ghetto Lodz mit dem Zug ankommenden Deportierten verbringt man nach ihrer Ankunft mit Lastkraftwagen in das ehemalige Schloßgelände. Dort müßen sie sich ausziehen und werden über eine Rampe zu je 100 Personen in die sogenannten „Gaswagen“ getrieben, in die die Abgase des Lastwagens geleitet werden. Die Menschen ersticken innerhalb von 10 qualvollen Minuten. Im Anschluß fährt das Fahrzeug in einen nahegelegenen Wald und man verscharrt die Leichen in einem Massengrab

Links:

Aktuelle Fotoausstellung im Centre Pompidou in Paris über den Fotografen August Sander u.a. mit einer Aufnahme Gustav Bärs

https://www.centrepompidou.fr/en/ressources/oeuvre/cpGLd5

Aktion „Arbeitsscheu Reich“

https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_%E2%80%9EArbeitsscheu_Reich%E2%80%9C

Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Waldbröl

https://www.waldbroel.de/project/ehemalige-heil-und-pflegeanstalt/

Über das Juden- bzw. Ghettohaus

https://de.wikipedia.org/wiki/Judenhaus

NS-Dokumentationszentrum Köln über den Verbleib Albert Bärs

https://museenkoeln.de/ns-dokumentationszentrum/default.aspx?sfrom=1217&s=2460&id=385&suchtext=%20puderbach&nachname=&inklVarianten=&abschiebung=&vorname=&inhaftierung=&geburtsname=&emigration=&geburtsort=1&deportation=&deportation1=&geburtsdatum=&deportationsdatum=&letzterOrt=&todesort=

Auszug der Deportationsliste vom 30.10.1941 von Köln nach Litzmannstadt

https://www.statistik-des-holocaust.de/OT411030-6.jpg

Ghetto Litzmannstadt/Lodz

https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_Litzmannstadt

Vernichtungslager Kulmhof

https://de.wikipedia.org/wiki/Vernichtungslager_Kulmhof

Familie Louis Bär

1907 verschickte das „Heims Toni“ diese Postkarte an ihre Freundin Klara Jonas nach Raubach. Zu sehen ist unten das Wohn- und Geschäftshaus des Bruders Louis Bär. Steht da der Ladenbesitzer vielleicht selbst vor seiner Eingangstüre?

Der am 23. November 1878 in Puderbach geborene Louis Bär führt in seinem um 1900 errichteten Wohnhaus auf der heutigen Mittelstraße ein gut sortiertes Eisenwarengeschäft. Er bietet seinen Kunden aber auch Kohlen, Baumaterialien und Haushaltswaren an. Sogar Anglerbedarf ist in seinem Sortiment zu finden, da er selbst gerne am Holzbach fischen geht. Die Kinder kaufen sich hier am Ende des Jahres die Knaller für die Silvesternacht. Seine Frau ist die aus Gelsdorf bei Bad Neuenahr stammende Thekla Vos.

Die Tochter Irene
Die Tochter Irene Bär vermutlich aufgenommen um 1920. Das „Mefferts Hilde“ konnte sich entsinnen, daß sie zusammen mit ihrer älteren Schwester Elli nur zu gerne mit Irene spielte, denn das Mädchen besaß damals schon richtige Brettspiele wie „Mensch ärgere Dich nicht“.

Am 30. Juli 1912 kommt die gemeinsame Tochter Irene Silva zur Welt. Das Mädchen besucht wie alle Dorfkinder ab dem sechsten Lebensjahr die Volksschule. Der jüdische Religionsunterricht findet bereits seit 1909 Mittwochs und Sonntags von 1 bis 3 Uhr Nachmittags im Schulsaal der 1. Klasse statt. Im Jahr 1911 sind es 12 Kinder, die vermutlich von dem Lehrer Adolf Ginsberg aus Dierdorf in den Lehren des Alten Testaments unterwiesen werden.

Nervliche Erkankung

Wann genau sich die nervliche Erkrankung bei der Tochter einstellt und um welche es sich gehandelt hat, ist nicht bekannt. Die Allgemeinmedizinerin Renate Hennemann, deren Vater schon behandelnder Arzt in Puderbach war, konnte sich erinnern, daß Irene „Anfälle“ hatte, plötzlich verwirrt und völlig aufgelöst an der Tür des Doktors um Hilfe bat. Vermutlich litt sie an Depressionen oder Angstzuständen, die medikamentös behandelt werden mußten. Welcher psychischen Belastung gerade sie in den Jahren unter nationalsozialistischer Herrschaft und speziell in der Reichspogromnacht ausgesetzt gewesen sein muß, kann man leicht erahnen.

Judenboykott

Auch in Puderbach kommt es am 1. April 1933 zum sogenannten „Judenboykott“. Vor den Geschäften der jüdischen Mitbürger Puderbachs postieren sich SA-Leute bzw. treue Parteianhänger und hindern die Dorfbewohner daran, ihre Besorgungen bei den „Volksfeinden“ zu erledigen. Haben Sie bei der Familie Bär auch die Fenster mit ihren Parolen beschmiert, wie man es immer wieder auf Bildern aus dieser Zeit sieht?

10. November 1938

Schon am späten Abend des 9. November wurde der damalige NSDAP-Ortsgruppenleiter Piorek darüber informiert, daß auf Grund der Ermordung des Pariser Botschaftssekretärs Ernst von Rath Vergeltungsaktionen an den jüdischen Mitbürgern verübt werden sollten. Am folgenden Morgen trommelt er alle NS-Parteimitglieder früh um 8 Uhr im Gasthof Hümmerich zusammen, um die Aktion zu besprechen. Um 9 Uhr schlagen die Trupps unter Mithilfe der Dorfbevölkerung los.

Zunächst werden alle Männer unter 60 Jahren in sogenannte „Schutzhaft“ genommen und in das Gerichtsgefängnis nach Neuwied verbracht. So wird vermutlich auch Louis Bär, der erst in zwei Wochen seinen 60sten Geburtstag feiern wird, in das Gefängnis eingeliefert. Zurück bleiben die älteren Männer, Frauen und Kinder, die zusehen müssen, wie die NS-Mannschaften mit Unterstützung der Dorfbevölkerung in ihre Häuser eindringen und alles kurz und klein schlagen. Auch beim „Heims Louis“ verwüsten sie sowohl die Geschäfts- als auch Wohnräume. Bei der Aktion fehlt es zudem nicht an Langfingern, die Wertgegenstände oder auch Schuldscheine verschwinden lassen.

Später lässt Bürgermeister Günther die im Dorf verbliebenen jüdischen Bürger zum eigenen Schutz (!) ins Amtsgebäude und im Anschluß ins Wohnhaus des Leopold Aron einquartieren. Dort verbringen sie in Sorge um ihre verschleppten Männer eine schlaflose Nacht. Erst am nächsten Morgen dürfen sie ihre Häuser wieder betreten. Der Anblick muß auch für Thekla und Irene Bär ein Schock gewesen sein! Irgendwann am Nachmittag trifft auch Louis in Puderbach ein. Er wurde ebenfalls am Morgen aus dem Gefängnis in Neuwied entlassen und mußte den Heimweg zu Fuß antreten.

Nichts wie weg
Diese Aufnahme entstand im Mai 1939 am hinteren Eingang des Wohnhauses von Louis Bär. Von links nach rechts sieht man Albert Bär, Louis Bär, Josef Wolff, Kurt Bär und Adolf Aron. Was haben die Männer bis zum Entstehen dieses Schnappschußes schon alles erleben müssen. In der „Pogromnacht“ hat man Albert Bärs Geburtshaus angezündet, Louis Bärs Wohn- und Geschäftsräume demoliert und Josef Wolff wurde ins KZ Dachau verbracht. Wie es Adolf Aron gelungen ist, eine Thorarolle aus der Synagoge vor der Zerstörung zu retten, ist mir schier unbegreiflich.

Spätestens seit den traumatischen Erfahrungen der Pogromnacht, werden sich auch die Bärs bemüht haben, Deutschland auf schnellstem Wege zu verlassen. Sie beantragen bei der Amtsverwaltung Reisepässe zwecks Ausreise in die USA, führen im selben Schreiben aber an, daß eine Auswanderung vermutlich aus finanziellen Gründen noch nicht in Frage kommt.

Hausverkauf

Schon im Frühjahr 1938 hatten die Bärs erste Grundstücke verkauft. Im Dezember erfolgt die Veräußerung des Hauses an die ansässige Raiffeisenkasse. Der Grund dafür wird die für den 3. Dezember 1938 erlassene „Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens“ sein, die jüdische Geschäftsleute zwingt, ihre Gewerbebetriebe und ihren Grundbesitz zu veräußern. Der Verkauf läuft über den damaligen Kassenleiter Wilhelm Haag ab. Wie spätere Unterlagen beweisen, müssen die Bärs ihr Haus nicht unter Wert verkaufen. Bis zum 5. März 1941 darf die dreiköpfige Familie in ihrem früheren Eigenheim wohnen bleiben und wird sich mit den Erlösen aus dem Verkauf über Wasser halten. Für die Flucht ins Ausland reichen die Reserven nicht mehr aus.

Bad Neuenahr

Vermutlich weil sie die Wohnung in ihrem früheren Haus räumen müssen, ziehen die Bärs am 5. März 1941 zu Verwandten nach Bad Neuenahr in die Poststraße 10. Hier lebt der Bruder von Thekla Bär, Ludwig Vos, dem es im September 1941 noch gelingt, über Spanien in die USA auszureisen. Vielleicht keimt auch bei Louis, Thekla und Irene noch einmal Hoffnung auf, Deutschland mit Hilfe des Bruders verlassen zu können.

Evakuierung

Anfang April 1942 erhalten die Bärs ein amtliches Informationsschreiben, daß sie sich auf Grund einer Evakuierung (!) am 25. April 1942 für den Abtransport bereit halten müssen. Nur bestimmte Gepäckstücke und Gegenstände dürfen mitgeführt werden, vor allem Verpflegung für mehrere Tage, noch vorhandene Geldmittel und Wertgegenstände sollen erfasst und separat verpackt bereit gehalten werden. Mit welcher großen Ungewissheit und Sorge werden sie die letzten Tage in Bad Neuenahr verbracht haben?

Burg Brohleck

Insgesamt 91 Personen aus Bad Neuenahr, Heimersheim, Sinzig und Remagen werden mit dem Zug in das rund eine Stunde entfernte Brohl gebracht. Hier haben die Behörden ein Sammellager auf der Burg Brohleck eingerichtet. Wie Zeitzeugen berichten, versuchen Polizeibeamte an den Bahnhöfen in Sinzig und Remagen Kinder von ihren Eltern zu trennen, was zu erschütternden Szenen führt.

Deportation nach Krasniczyn

Kurze Zeit nach Ankunft in Brohl erfolgt die entgültige Deportation aus Deutschland. Am 30. April setzt sich der Sonderzug Da 9 mit 762 jüdischen Bürgern, unter ihnen die Bärs, vom Bahnhof Koblenz-Lützel Richtung Osten in Bewegung. Drei lange Tage dauert die Fahrt ins Ungewisse. Am 3. Mai stoppt der Zug in der im Südosten Polens gelegenen Stadt Krasnystaw. Man treibt die Menschen aus dem Zug und zwingt sie, einen 17 km langen Fußmarsch in das Dorf Krasniczyn zurückzulegen. Das hatten die Nazis schon 1940 zu einem Ghetto für Juden umgewandelt. Einige Tage zuvor war bereits ein Transport mit 955 Menschen aus Würzburg eingetroffen.

Man kann sich die Verhältnisse an diesem Ort kaum ausmalen. Die Häuser verfügen über kein fließendes Wasser, keine Toiletten und keinen Strom. Eine Versorgung mit Lebensmitteln oder Medikamenten war nicht vorgesehen, sodass die Menschen nach kürzester Zeit Hunger litten. In einem beschlagnahmten Brief eines Würzburgers heißt es: „Wir bitten sehr darum, uns Lebensmittelpakete zu schicken…Wir bitten um Suppenkonzentrat und Suppenwürfel in kleinen Paketen. Wir sind auch dankbar für Käse.“

Vernichtung

Bereits im Mai, kurze Zeit nach Ankunft der beiden Transporte, werden 327 Personen wahllos von SS-Männern aufgegriffen, nach dem Fußmarsch zum Bahnhof Krasnystaw in Viehwaggons getrieben und in das rund 76 km entfernte Vernichtungslager Belzec gebracht. Dort angekommen werden sie mit Motorabgasen aus Dieselmotoren erstickt. Am 6. Juni dann wird das Ghetto Krasniczyn ganz aufgelöst. 200 Menschen erschießt die SS vor Ort auf dem bestehenden Friedhof. Alle anderen werden zu Fuß ins 18 km entfernte Izbica gehetzt, in Waggons verfrachtet und ins Tötungslager Sobibor gebracht. Dort angekommen, zwingt man sie, sich auszuziehen und treibt sie in die „Duschräume“ um sie dort durch Motorabgase umzubringen.

Links:

Judenboykott vom 1. April 1933

https://de.wikipedia.org/wiki/Judenboykott

Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens

https://de.wikipedia.org/wiki/Verordnung_%C3%BCber_den_Einsatz_des_j%C3%BCdischen_Verm%C3%B6gens#:~:text=In%20der%20Verordnung%20%C3%BCber%20den,bei%20einer%20Devisenbank%20zu%20hinterlegen.

Transport Da 9 von Burg Brohleck ins Lager Krasniczyn

https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&url=https://www.kreis-ahrweiler.de/kvar/VT/hjb2017/hjb2017.39.pdf&ved=2ahUKEwi1iIPsx5_xAhX0_7sIHccoAMAQFjAEegQIBhAC&usg=AOvVaw0h6H5lwfzL3_eWpKBXd52g&cshid=1623963918086

Durchgangsghetto Krasniczyn

https://web25.otto.kundenserver42.de/Mahnmal_NEU/index.php/staetten-der-verfolgung/staetten-der-verfolgung-generalgouvernements/541-durchgangsghetto-krasniczyn

Vernichtungslager Belzec

https://de.wikipedia.org/wiki/Vernichtungslager_Belzec

Vernichtungslager Sobibor

https://de.wikipedia.org/wiki/Vernichtungslager_Sobibor

Stolpersteine für Louis Bär und seine Familie

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bad_Neuenahr-Ahrweiler